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Die neue Moskauer Architektur, oder: Traum und Wirklichkeit der neuen Manilows
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2008, 1
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Die neue Moskauer Architektur, oder: Traum und Wirklichkeit der neuen Manilows

Zeitschrift Umělec 2008/1

01.01.2008

Alena Boika | berlin-taipeh | en cs de es

„Er dachte über die Wohltaten des Lebens in Freundschaft nach; darüber, wie schön es wäre, mit dem Freund am Ufer irgendeines Flusses zu wohnen; eine Brücke über den Fluss würde gebaut werden und dann ein riesiges Haus mit einem so großen Belvedere, dass man Moskau von dort aus sehen könnte; man könnte dort Tee an der frischen Luft trinken und über irgendwelche angenehmen Dinge parlieren.“

N. Gogol, „Tote Seelen“, Band 1


Architektur ist nicht Kunst. Sie ist die Antwort auf recht gegenwärtige Bedürfnisse des einzelnen Individuums und der Gesellschaft im Ganzen. Zur Kunst wird sie nur in den seltenen Momenten eines allgemeinen Aufschwungs der Kultur, zu Momenten, in denen die Synthese der Künste möglich wird, einem Moment, der auch diese utilitaristische Materie befruchtet und ihr eine Seele gibt. Nichtsdestoweniger zählt man die Architektur üblicherweise zu den Künsten. Dies ist seltsam und überraschend, genauso wie der Umstand, dass auch die Architektur selber möchte, dass sie als Kunst angesehen wird oder auf eine unterbewusste Weise Kunst sein möchte. Sei es nun, weil der Architekt sich als Künstler und Schöpfer sieht, sei es infolge eines Komplexes über die eigene Zweitrangigkeit und das Fehlen echter künstlerischer Aufgaben; aber die ästhetische Komponente, über die Architektur wie alles, was Gestalt hat, verfügt, ist überaus anfällig für Manipulationen. Und zwar nicht einfach für Manipulationen, sondern für Manipulationen durch die Macht. Sie überzeugt die Architektur davon, dass diese schön und ruhmreich sei – viel öfter als es tatsächlich der Fall ist. Und schön ist sie dabei, wenn sie dem Staate nützlich ist, ruhmreich aber – wenn sie ihn rühmt. So entsteht ein Stil.

Egor Larichev, Die Architektur des Verschweigens




Jemand, der lange nicht in Moskau gewesen ist und den es 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dorthin verschlagen hat, erkennt nur mit Mühe das, was man lange „Das Herz meiner Heimat“ nannte. Aber auch den, der nur fünf Jahre nicht in Moskau war, wird das, was er dort erblickt, erstaunen.
Als erstes fallen die allgegenwärtigen Baustellen auf: es wird überall gebaut. Man hat den Eindruck, als schmuggelten sich in jedem beliebigen Punkt der Stadt, was auch immer Sie fotografieren, Baukräne ins Bild, die zu einem so gewohnten Anblick geworden sind, dass man sich die Stadt ohne sie schon gar nicht mehr vorstellen kann. Schnell und zielstrebig verschwindet etwas und entsteht an seiner Stelle mit unvorstellbarer Geschwindigkeit etwas anderes. Ganze Straßen und Viertel verschwinden, und den Moskauern, die noch vor kurzem entsetzt waren und versuchten, das „gute alte Moskau“ zu retten, ist schon nichts mehr zu tun geblieben: dieses Moskau gibt es nicht mehr, nur noch kleine Reste, die sich in Hinterhöfen und Hausdurchgängen verstecken.
Dafür ist dieses andere, neue Moskau entstanden, und obwohl man es schon gewöhnt ist, erstaunt es immer noch mit dem Tempo und Umfang seiner Veränderung. Einige Skeptiker, die sich mitten in Moskau wieder fanden und nicht wussten, wie ihnen geschieht und wo sie sind, behaupten kurzerhand, dass all dies ohne jeden Stil von sich gehe. Das aber stimmt nicht. Nur ist es einfach so, dass sich innerhalb kurzer Zeit schon viele Stile abgewechselt haben, die offizielle und informelle Strukturen der Macht bedienen. Zu Anfang wurde das sowjetische Erbe mit russischem Historismus und Neoklassizismus stark von dem vorangebracht, was man später nach dem Moskauer Oberbürgermeister als „Luschkow-Stil“ bezeichnet hat, der selber wiederum vor unseren Augen vom Neokonstruktivismus abgelöst wird. Was in den 90er Jahren in der Moskauer Architektur geschah, wird mit verschiedenen Bezeichnungen belegt: Historismus, Postmodernismus, Eklektizismus. Heutzutage ist es Konsens, sich dessen zu schämen und anzuerkennen, dass es sich dabei zum Großteil um „schlechte Architektur“ gehandelt hat. Dennoch ist es gleichzeitig auch ein bemerkenswertes Zeugnis der Formierung der Staatsgewalt: eine Herrschaftsform wird durch eine andere ersetzt.

Der Erstling der postsowjetischen Architektur
Das erste Gebäude, an dem die Epochenwende sichtbar wurde, war das Majakowski-Museum auf dem Lubjanka-Platz (1987-88), das man später begann, als das „erste Beispiel des Dekonstruktivismus“ zu bezeichnen. Das Museum, das die revolutionäre Avantgarde zur Schau stellte, erwies sich als vollständig vom neuen Gebäude des KGB verdeckt. Deshalb war es während des Wiederaufbaus die dringendste Angelegenheit, das Haus zu „entdecken“, es bemerkbar zu machen. Jetzt sieht dies etwas seltsam aus: sehen kann man das Haus nur durch eine versperrtes Gitter, in es gelangen nur, indem man durch eine Geschäftspassage geht, die man wie absichtlich mit unverständlichen Objekten aus Stahl voll gestellt hat, deren Sinn augenscheinlich darin besteht, den Betrachter auf das Treffen mit der Schönheit vorzubereiten.
Der Wiederaufbau unter der Leitung Andrej Bokovs begann auf der Welle der Perestrojka-Euphorie, als es schien, das jetzt alles neu werden und alles erlaubt sein würde. Wladimir Majakowski – ein anerkannter Vertreter der Klassik und gleichzeitig Revolutionär – „legitimierte die Erneuerung“. Die Architekten befreiten sich von allen Verboten und Komplexen und schufen die radikalste gesellschaftliche Inneneinrichtung der kommenden 15 Jahre. Wie schrieb Nikolaj Malinin: „Jetzt ist es üblich sich daran zu weiden, wie geschickt sie den ‚allerneuesten Geist des Dekonstruktivismus’ eingefangen haben, aber damals kannten sie ja noch nicht einmal dieses Wort. Sie haben ein Museum gebaut und gingen dabei ausschließlich von den Realien von Ort und Zeit aus.“
Der Ort war natürlich genial gewählt: das Haus des Dichters war von allen Seiten vom neuen Gebäude des KGB umgeben. Die Metapher lag auf der Hand, man musste sie nur noch realisieren. Alles wurde sehr genau durchgeführt: Von außen – eine Installation, ein Prolog. Ein baufälliges Gerüst, das gleichzeitig die konstruktivistische Einfachheit, die Per-spektiv-Verkürzung, für die der Vater des sowjetischen Konstruktivismus, Aleksandr Rodchenko, so berühmt war, und die zerschlagene Revolution symbolisierte. Von innen – ein zauberhafter, mehrstöckiger Raum, der seinerzeit nichts Ebenbürtiges kannte. Abgründe tun sich vor dem Besucher auf, dann wieder läuft der Raum in Knoten zusammen und führt so den Besucher durch die Biographie des Dichters, welche Schlüsselmomente durch dekorative Punkte markiert und den Besucher am Ende den Aufstieg in das asketische Zimmer vollführen lässt, in dem der Dichter lebte und starb.
Dies war ein wahres Meisterwerk, ein geniales Zusammenspiel aller Faktoren: von Ort, Zeit, Ästhetik, der Persönlichkeit des Dichters und des Architekten. Leider konnte die russische Architektur diesen Erfolg weder weiterentwickeln noch wiederholen, der Ort aber blieb „in“: bis heute ist das Museum Schauplatz der aktuellsten Schriftsteller-Partys.
Das Majakowski-Museum steht als Muster einer neuer Zeit und einer neuen Geschichte Russlands allein da und schreitet der Architektur-Richtung voran, die eine besondere Entwicklung hätte durchlaufen können, dies aber nicht tat. Wie dem auch sei, die 90er Jahre werden ihren Platz in der Geschichte als die „Epoche der Türmchen“ einnehmen.

Luschkow und seine Türmchen
Der „Luschkow-„ oder „Moskauer Stil“, den vor allem ebenjene Türmchen kennzeichnen, ist nach dem bekannten Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow (1992 bis heute) benannt. Der Bürgermeister hatte diese verschnörkelten Accessoires besonders lieb gewonnen; ihm zu Ehren wurden sie auf fast jedes Haus aufgesetzt. Dass von diesen Türmchen allen übel wird, liegt im Grunde nur daran, dass es einfach zu viele von ihnen gibt – grob geschätzt nicht weniger als 250.
Die Stadt wächst nach oben, die bisher dominierenden Gebäude versinken in der neuesten Bebauung, und so braucht sie einen neuen Orientierungsrahmen. Auf diese Weise wurde seinerzeit die Entstehung der „Sieben Schwestern“, der von Stalin in Auftrag gegebenen Hochhäuser im so genannten „Zuckerbäckerstil“ erklärt. Allerdings ging es damals um einen vollwertigen Sprung auf eine neue Ebene; die heutigen Türmchen sind hingegen nichts weiter als ein schüchterner, kleiner Hüpfer (wenn man vom „Triumph Palace“ absieht, der 2006 fertig gestellt wurde und zu Recht als „Achtes Hochhaus“ angesehen wird. Die Turmspitzen der Stalinbauten erwachsen logisch aus ihrem treppenförmigen Baustil, die Türmchen hingegen wirken wie im letzten Moment irgendwo an der Seite hinzugefügt. Wie hat Nikolaj Malinin so elegant bemerkt: „Es steht sozusagen nicht in unserer Macht, den Himmel zu berühren, das Haus spuckt aus Bosheit in den Himmel. Die Spucke fällt wieder herunter und erstarrt zum Türmchen.“ Nichtsdestoweniger kann man die Wiederherstellung der typischen Moskauer Silhouette auch als gesetzmäßigen Vorwand für das Auftauchen der Türmchen ansehen.
Und außerdem gibt es ja auch den Postmodernismus, der es dem Architekten erlaubt, sich nicht schwer etwas Neues auszudenken, sondern aus dem breiten Fundus des Alten zu schöpfen, es neu zu kombinieren und umzuinterpretieren. Die Postmoderne hat sich sehr erfolgreich an die Suche nach der nationalen Identität angepasst, mit der sich das auseinander fallende Imperium beschäftigte. Das erste, was den Leuten in den Sinn kam, war es, die Verbindungen wieder aufzubauen, die das Jahr 1917 zertrennt hatte – weswegen auch alles ausschließlich in dem einen oder anderen historischen Stil gebaut wurde. Und die Türmchen waren das natürlichste aller möglichen Zitate, schließlich hat das Wahrzeichen der Stadt, der Kreml, ihrer zwanzig.
Als 1991 auf dem Hotel „Balchug“ das erste Türmchen auftauchte, war dies noch völlig natürlich, da das Balchug exakt gegenüber des Kremls lag. Danach jedoch fingen sie an, wie Pilze zu sprießen, und die größte Ungereimtheit des „Türmchen-Projekts“ bestand in ihrer durch nichts legitimierten Allgegenwart. „Wenn irgendein Neubau im Zentrum Moskaus mit einem Türmchen gekrönt wurde, konnte man das noch verstehen. Wenn es aber auf einem Neubau in den Vororten erwuchs, und noch dazu einem ansonsten völlig modernen Haus, dann nahm die Geschichte Züge von Absurdität an. Die richtige Paranoia fing aber an, als das Türmchen zur Eintrittskarte ins Zentrum wurde. Es tauchte überall und in jeder Erscheinungsform auf. Es war schon überhaupt nicht mehr wichtig, in welchem Zusammenhang gebaut wurde – man wusste einfach, dass man mit ihm jede Baugenehmigungsbehörde im Sturm nehmen konnte. Danach eroberte es auch noch die Vororte und wurde zum Symbol nicht nur der neuen Moskauer Architektur, sondern überhaupt des Moskaus der 90er Jahre, genau wie Staus und Obdachlose, Verkaufsbuden und Reklame, Nachtklubs und Geldwechsler; obwohl es, anders als diese, keine gesetzmäßige Folge von Markt, Demokratie und den übrigen Jelzin-Reformen war. Die Türmchen waren unsere örtliche Grille.“ Es ist im Übrigen bemerkenswert, dass es an den Neubauten St. Petersburgs oder Nischni Nowgorods fast keine Türmchen gibt, und das ist bezeichnend: Die Rückbesinnung auf den „russischen Stil“ (Turmhäuser, Verkleidungen, Fassadenverzierungen, Kugel-Dekor) wurde immer von schlechten Zeiten und der Notwendigkeit der nationalen Selbstversicherung beeinflusst, sei es nun in der zweiten Hälfte des 19. Jh. (Krimkrieg), zu Beginn des 20. Jh. (Russisch-Japanischer Krieg) oder in der Mitte des 20. Jh. (Zweiter Weltkrieg). Deswegen erfasste er auch immer das ganze Land, gegen Ende des 20. Jh. haben wir es aber mit einem ausschließlich Moskauer russischen Stil zu tun, der vom Reichtum und der Vielfältigkeit seines Ursprungs nur die Türmchen erhalten hat.
Die Entwicklung der Türmchen kann man in drei Stadien unterteilen:
1991 – 1995: Die Türmchen werden als Ergänzung zu bestehenden vertikalen Orientierungsrahmen wie Glockentürmen, Turmspitzen und Zeltdächern gebaut, wobei die Penthouses eingebunden werden und mit der Perspektive gearbeitet wird. Als Vorbilder dienen ausschließlich historische Vorbilder wie Glockentürme, Festungen und Klöster. Die besten Beispiele sind das Russische Kulturzentrum „Krasnye Kholmy“, die „Toko-Bank“ am Krasnopresnensker Ufer und das „Usadba-Zentrum“ hinter dem Moskauer Stadtsowjet.
1996-2000: Inzwischen gibt es so viele Türmchen, dass eine ernst gemeinte Verwendung unmöglich wird – man fängt an, mit ihnen zu spielen, sie zu dekonstruieren. Man lässt sie wie ein ausgefülltes Baugerüst stehen, verwandelt sie in Taubenschläge, Buden, Rotunden und Belvederes. Hervorzuheben sind die Wohngebäude in der Daev-Straße, auf der Sokolnicheskij-Straße und natürlich das Haus „Patriarch“ (Architekt: Sergej Tkachenko, 1997-2002) mit seinen Vignola-Kapiteln und dem krönenden „Turm der Dritten Internationale“ von Wladimir Tatlin. Es ist kein Haus, sondern eine Sahnetorte mit Arbeitern und Bäuerinnen anstelle von Krem-Rosen – eine prachtstrotzendes Wunder mit vier verschiedenen Fassaden, das beste Beispiel für Eklektizismus, Postmoderne und den nicht aufzuhaltenden Höhenflug von kraftvoller Fantasie. Schon während seiner Projektierung und Erbauung wurde ihm vom Schtschussew-Museum für Architektur musealer Wert zuerkannt.
2000 - 2004. Historisierende Türmchen sind inzwischen völlig unmöglich, aber das Grundkonzept lebt weiter. Im Rahmen desselben formalen Codes werden die Türmchen zu High-Tech-Schöpfungen aus Glas und Stahl, erinnern an Spiralen und Zahnräder und werden nicht mehr von Wetterfahnen gekrönt, sondern von Antennen. Als Beispiel mögen das Büro der Firma Energogarant auf der Sadovnicheskaja-Uferpromenade, das Wohnhaus auf dem Tishinskaja-Platz und das Bürogebäude „Nikojla“ hinter dem Palast der Jugend dienen.

Luxus und Prunk
Zur selben Zeit (1992) wird der erste Luxus-Wohnkomplex „Park Place“ gebaut – eine „Verschmelzung von russischem Konstruktivismus und westlichem Neobrutalismus“, das Vorbild aller noch kommenden „Elitewohnungen“ mit Garagen, Kindergärten, Wäschereien, Restaurants und Fitness-Clubs. Anfangs ging man davon aus, dass dort nur Vertreter der ausländischen Botschaften unter sich leben würden – das Haus war im Auftrag des Außenministeriums erbaut worden – doch nach und nach wurde auch anderen Bürgern erlaubt einzuziehen.
Die bevorzugten Materialien dieser Epoche sind Stein und Marmor: alles, was repräsentativ und „reich“ aussieht. Eines der besten Beispiele ist das neue Gebäude der Manege, das das abgebrannte prachtvolle Werk von Bové und Betancourt aus dem 19. Jh. ersetzt und das bei Architekten ein Schaudern, beim Publikum hingegen Bewunderung hervorruft. Niemand hätte etwas an ihm auszusetzen, wenn es nicht im Zuge der Renovierung (2004/05) so seltsam modernisiert worden wäre. Auch der Alexander-Garten sieht nun seltsam aus, irgendwie vorsätzlich unnatürlich mit all seinen Laternen, Bänken und dem ganzen Pomp, aber noch nie war er so beliebt wie heute.
Etwa zu dieser Zeit taucht in Moskau auch das erste Gebäude mit Spiegelfassade auf – das McDonald’s-Haus, über das die Meinungen auseinander gingen: während die einen der Meinung waren, der Architekt Aleksej Voronzov mache sich über das Imperium der Ham- und Cheeseburger lustig, gerieten andere ob dieser „Modernität“ in Verzückung.
Auch Surab Zereteli tobte sich zu dieser Zeit in Moskau aus – seine Denkmäler, die einen mit ihren Ausmaßen in ihren Bann ziehen, vermehrten sich in unglaublichen Mengen. Wie sagte mir ein befreundeter Künstler: „Da schaust du nun auf diesen Peter und denkst dir – nicht schlecht, Herr Specht! Das ist zwar grottenschlechter Pop, aber was für riesiger Pop! Also ist es doch irgendwie gut – wäre es aber kleiner, würde es zu nichts taugen, und man könnte es nur wegschmeißen.“
2002 war die Hochzeit dieses Stils vorbei. Russland wurde wieder stärker, und Moskau mühte sich, diese forsche russische Gefühlsduselei und Exaltiertheit hinter sich zu lassen. Aber auch wenn sie wohl übertrieben war und gelegentlich großartige Beispiele von Geschmacklosigkeit gebar, war sie dennoch eine zutiefst russische Erscheinung. Als schlussendlich der Sieg des Kapitalismus vollzogen war, ersetzte die Architektur der universellen Globalisierung schnell diese russische Sinnlichkeit.
Heutzutage ist Zurückhaltung angesagt – einfache geometrische Formen, glatte Verkleidungen, kein Dekor. Diese Architektur erinnert an das Moskau der 20er Jahre, an die Architektur der russischen Avantgarde und dabei besonders an den Konstruktivismus. Deswegen wurde der „Moskauer Stil“ auch „Neokonstruktivismus“ getauft, den der Spezialist auf dem Gebiet der zeitgenössischen Moskauer Architektur Alexander Zmeul erörtert.

Alena Boika (AB): Kann man mit Blick auf die letzten 15-20 Jahre von irgendeinem besonderen „Moskauer Stil“ sprechen? Ich frage deshalb, weil Wladimir Ressin behauptet, dass es nun schon 850 Jahre lang einen Moskauer Stil gebe und es daher zumindest unpassend sei, diesen Stil nur mit der Post-Perestroika-Periode zu verbinden.
Alexander Zmeul (AZ): In der Sowjetunion gab es das Prinzip des typisierten Hausbaus. Architekten schufen nicht, sie passten typisierte Projekte an die lokalen Gegebenheiten an. Als die Sowjetunion zusammenbrach, ergab sich die Möglichkeit etwas zu bauen – weshalb sich viele Architekten, die ihr Leben lang z.B. von Märchenschlössern geträumt hatten, sofort daran machten, all dies zu verwirklichen. Bei den Menschen an der Macht, die ja eben in diesen Plattenbauten geboren und groß geworden waren, war das nicht anders. Auch Jurij Luschkow hat eine solche Vorstellung vom Schönen, auch er ist in einem Arbeiterviertel ohne jede Schönheit groß geworden. Dieser Traum vom „Moskau der goldenen Kuppeln“, von steingewordenen Süßigkeiten und Kringelchen, von Türmchen und Bögen, all das, was sich zu Anfang der 90er Jahre über Moskau ergoss und als „Moskauer“ oder „Luschkow-Stil“ bezeichnet wurde, ist ein historisierender Postmodernismus allerschlimmster Qualität – eine Imitation der Bebauung des 19. Jh., eine Imitation der damaligen Mietshäuser, aber in schlechter Ausführung, mit schlecht gezeichneten Details und überhaupt schrecklich.
Dies alles breitete sich seit Anfang oder Mitte der 90er Jahre aus, danach aber, und vor allem in der letzten Zeit, war ein Umschwung zu bemerken. Und auch wenn hier und dort noch solche holzschnittartigen Projekte gebaut werden, hat sich eine neue Tendenz ergeben: Russland ist Teil der globalen Welt, und auch unser Bürgermeister will inzwischen Häuser mit Glas und Beton. Man fing an, Unmengen von ausländischen Architekten einzuladen. In meinen Augen ist es daher so, dass, wenn man den „Moskauer Stil“ der 90er Jahre noch irgendwie beschreiben konnte – Türme, Türmchen, Bögen, Pilaster – so besteht der „Moskauer Stil“ unserer Tage vor allem in seinem Maßstab und seiner Prachtentfaltung. Stilistisch kann er alles sein, die Imitation eines Schlosses wie des von Zarizyno genauso wie Wolkenkratzer in der City, wie sie eine amerikanische Firma entworfen hat. Es handelt sich um die Architektur von Investoren, und die kann alles Mögliche sein. Ich denke daher, dass es eine stilistische Definition dessen, was der „Moskauer Stil“ ist, momentan nicht gibt.

AB: Sind Sie mit der Aussage einverstanden, dass man die Haupttendenz der gegenwärtigen Architektur als Neokonstruktivismus bezeichnen könnte? Alle reden davon, dass nun die Zeit gekommen sei, die Gebäude zu bauen, die in den 20er und 30er Jahre nicht realisiert werden konnten oder aus schlechten Materialien – anderen, als die Architekten dies geplant hatten – gebaut wurden. Nehmen wir als Beispiel das, was gerade mit dem Hotel „Moskau“ passiert.
AZ: Meinen Sie aus technologischer Sicht? Technologisch gesehen ja, aber stilistisch würde ich es bezweifeln. Es gab Architekten – z.B. Wladimir Plotkin, Sergej Kisselew, Nikolaj Lyslow – die in dieser Richtung des Neokonstruktivismus arbeiteten und noch immer arbeiten und die, wie alle, jetzt mehr Aufträge haben. Mir scheint auch, dass das Hotel „Moskau“ nicht das beste Beispiel ist, da es ursprünglich ein konstruktivistisches Projekt gewesen war, in das sich später Aleksej Schtschussew eingemischt hat – die Machthaber fanden, dass es im Zentrum keinen Platz für solche Architektur geben sollte. Die Ideen, die man von diesem Projekt übernehmen kann, könnte man jetzt verwirklichen, es hängt alles vom Ort ab. Anständige Architekten erlaubten es sich sogar in dieser Periode des Obskurantismus nicht, irgendwelche Türmchen zu bauen. Das „Katamaran-Haus“ von Wladimir Plotkin ist das beste Beispiel eines solchen Stils. Aber man muss sich nur diesen ganzen Prozess anschauen: die Idee des Architekten, der Auftraggeber, der Unterauftragnehmer, die Baumaterialien – an allem soll gespart werden, deshalb ist alles nur „Fast-Hightech“, „Fast-Wolkenkratzer“, „Fast-Städte“. Niemand will mehr Geld für hochwertige Technologien und teure Baumaterialien ausgeben. Bei uns herrscht ein völlig wüster Kapitalismus mit riesigen Gewinnen, und was du auch baust, es wird alles verkauft.

AB: Aber wie soll man dann das Haus „Stadt der Jachten“ bewerten, das lange gebaut wurde, bis plötzlich so viele ökologische und anderweitige Probleme zu Tage traten, dass man jetzt gar nicht weiß, was man mit ihm tun soll?
AZ: Aber es wird ja schon mit aller Kraft verkauft! Wobei das Booklet der zuständigen Immobilienfirma Capital Group bezeichnend ist: auf der einen Seite findet man die „Stadt der Jachten“, auf der anderen Seite ein imperiales Gebäude neostalinistischen Typus’.

AB: Eine der skeptischen Meinungen, die man über die Moskauer Architektur hören kann, lautet, dass es bei uns viele Bauten und Baustellen gibt, aber wenig Architektur. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
AZ: Das stimmt; jemand hat sogar mal gesagt, es gibt Bauwesen, und es gibt Architektur. Das ist richtig, oft braucht man einfach Platz. Nehmen wir das Handelszentrum MEGA an der Leningrader Chaussee – dort kann man von Architektur gar nicht reden, es gibt sie einfach nicht, kann es aber auch gar nicht. Etwas anderes ist es aber, wenn gegenüber des Kremls ein Bürogebäude gebaut wird. Auch da gibt es keine Architektur, es wird einfach „irgendetwas“ für Leute mit einem mittelmäßigen Geschmack gebaut. Das Problem liegt in der Menge solcher Gebäude, die in keinem Zusammenhang zu Architektur stehen.
Bei uns herrscht ein großer Mangel an Architekten; die Studenten fangen bereits zwei Jahre vor ihrem Abschluss an zu arbeiten und werden genommen, egal wie gut oder schlecht sie sind. Und außerdem – wer wird denn Architekt? Das ist ein großes Fiasko – zehn Jahre lang gab es am Moskauer In-stitut für Architektur überhaupt keinen Numerus Clausus, es wurden unterschiedslos alle angenommen – und nun gibt es ganz wenige Architekten in den Dreißigern. Deshalb ist es auch egal, was du zeichnest und über welche Fähigkeiten du verfügst, du findest in jedem Fall eine Stelle. Man kann sich ja vorstellen, wie viele solcher Architekten bereits die Universität beendet haben, und irgendwer muss die Bauaufträge ja ausführen. Nehmen wir beispielsweise das Kutusow-Projekt. In einem prestigeträchtigen Viertel wird ein riesiger Komplex von sechs Häusern gebaut – und kein einziger meiner Bekannten hat den Namen des Architekten, dem dieses riesige Objekt anvertraut wurde, jemals gehört.

AB: Wenn man sich die Periode seit Beginn der Perestrojka, von 1986 bis heute, anschaut, kann man dann außer dem klar umgrenzten „Luschkow-Stil“ und dem so genannten Neokonstruktivismus noch andere Etappen definieren?
AZ: Zuallererst: Sie nehmen hier das Jahr 1986 als Ausgangspunkt, aber es ist doch so, dass viele große Objekte unter Breschnew geplant, unter Gorbatschow gebaut, unter Jelzin fertig gestellt und unter Putin eröffnet worden. Der Bau der Metro-Station „Trubnaja“ beispielsweise, die im September eröffnet wurde, begann 1990 – es handelt sich also um ein „spätsowjetisches“ Projekt. Viele Objekte durchliefen solche wundersamen Veränderungen – sie begannen als sowjetisches Projekt und erhielten dann allerlei seltsame Ergänzungen. Die Luschkow-Periode war eine Übergangsperiode, die sich immer weiter verstärkte. Wobei ich der Meinung bin, dass die ursprüngliche Idee, die Bebauung zu erneuern, gut war. Später wurde jedoch des Guten zuviel getan – anfangs wurde renoviert, dann fing man an, abzureißen und etwas Ähnliches wieder aufzubauen, schließlich wurden Bauten, an denen überhaupt nichts auszusetzen war, abgerissen und etwas völlig anderes neu erbaut. Und wenn man von den Jahren nach 2000 spricht, dann wächst der Umfang der Arbeiten, aber es entsteht auch eine immer größere Differenzierung. Momentan steht zum Beispiel die Renovierung von Fabrikgebäuden hoch im Kurs. Die Typologie entwickelt sich weiter – es entstehen Gebäude, die es früher einfach nicht gab wie Appartements, Art-Hotels und ähnliches. Durch diese Aufträge, durch diese enge Spezialisierung entsteht eine neue Architektur. Man kann nicht sagen, dass alles schlecht ist, immerhin zeigt sich auch Geschmack, und es gibt immer mehr Stilrichtungen.

AB: Wenn man Architektur als eine Art Spiegelbild der Vorlieben und Geschmäcker der herrschenden Klasse bzw. der Macht als solcher ansieht, kann man dann die gegenwärtige Architektur als „Putin-Architektur“ bezeichnen?
AZ: Ich bin mir nicht sicher, ob man das so sagen kann, obwohl eine gewisse Großmachtästhetik natürlich sehr en vogue ist. Aber dabei ist es wie mit der Boulevardpresse, die es in der sowjetischen Zeit nicht gab und die jetzt fröhliche Urständ feiert – alles vermischt sich miteinander. Putin selber lässt keinerlei besonderen ästhetischen Vorlieben erkennen. Auf der Eröffnung des Schlosses Zarizyno sagte er: „Die Restaurierung ist Sache von Historikern; das Wichtigste ist, dass es den Menschen gefällt.“ Deswegen sehe ich das so, dass den russischen Städten keine Vorgaben von oben gemacht werden.
Von einer „Putin-Architektur“ kann man nur in Zusammenhang mit den hohen Geldsummen, mit den Öldollars reden – und die sich in diesen unzähligen Wolkenkratzern, Handelszentren und solch irrwitzigen Projekten niederschlagen wie dem „größten überdachten Kurort Europas“ mit fünf Skipisten, Badelandschaften, Hotels, Eisbahnen und allem, was es nur gibt. Es sind riesige Geldsummen im Umlauf, und es gibt viele Menschen, die sehen, dass man auf dem Immobilienmarkt gutes Geld verdienen kann. Die anderen Märkte – Öl, Gas, Telekommunikation – sind alle in irgendeiner Weise strukturiert, bei Immobilien hingegen kommen die Leute einfach, kaufen ein Grundstück, überlegen sich, was sie damit machen könnten, und bauen alles mögliche. Über die „Epoche Putins“ kann man also nur sagen, dass sie ein riesiges Projekt ist. Der „Turm der Föderation“, in dem die Moskauer Biennale stattfand, ist auch so ein Türmchen. In ihm nimmt, wenn ich mich nicht irre, die staatliche Außenhandelsbank „Vneshtorgbank“ alleine 35 Etagen ein – das ist doch zutiefst symbolisch. Aber mit ästhetischen Vorlieben hat das natürlich nichts zu tun.

AB: Wie stehen Sie zu den Meinungen über das Projekt „Moscow City“, die da sagen, es werde mit Begeisterung angefangen, solch einen riesigen Komplex zu bauen, und stoße dann auf die Probleme? Der Boden sei dort sumpfig, die asiatischen Bauarbeiter hätten keine Ahnung, und überhaupt baue man dort solch komplizierte Komplexe, ohne überhaupt richtig zu wissen, was man mit ihnen dann macht.
AZ: Die City ist überhaupt ein lachhaftes Projekt, sie ist der Schwanengesang der Sowjetunion. Man hat lange überlegt, was man tun solle, und schließlich entschied der Moskauer Stadtsowjet, ein Handelszentrum zu bauen. Die Architekten schufen eine Konzeption, zeichneten, ohne sich mit irgendjemandem abzusprechen, „bloß ein Gebäude“, ein abstraktes Gebäude für ab-
strakte Menschen. Der Kern der Moscow City sollte von seinen Umrissen und Proportionen den Kreml mit seinen angrenzenden Bauten wiederholen. Die Wolkenkratzer sollten sich, kontinuierlich ansteigend, entlang der Flussbiegung verteilen. Als die Bauarbeiten begannen, waren die Beamten auf die „größte Baugrube Europas“ stolz. Lange Zeit wurde nichts unternommen, aber eine Unmenge an Geldern veruntreut – beispielsweise wurde für die Straßen zwanzigmal mehr „ausgegeben“, als geplant war.
Das erste Objekt, das 1997 – zur 850-Jahr-Feier Moskaus – fertig gestellt wurde, war die Bagration-Brücke. Als nächstes kam 2001 der „Turm 2000“ hinzu. Die Hauptidee der Moscow City war es, das Zentrum zu entlasten, aber da es gar nicht so viel Nachfrage nach Büroplatz gab, war das Projekt nicht sonderlich notwendig. Wenn man alles mit Bedacht realisiert hätte, wäre es ja auch gut geworden, aber es gab keinen Gestaltungswillen seitens der Verwaltung. Man fing an zu bauen, als Geld auftauchte. Die Wirtschaft begann zu wachsen, das Öl kostete plötzlich das, was es heute kostet, und die Häuser schossen langsam in die Höhe.
Es gibt keinerlei Höhenbegrenzungen, was in der Tat gefährlich ist – nicht, dass man innerhalb des Zentrums unterscheiden könnte, ob es sich um 70 oder 90 Etagen handelt. Aber niemandem ist klar, wie all die Menschen, die dort arbeiten sollen, zur Arbeit und nach Hause kommen, wie man mit der schlechten Transportsituation umgehen soll. Ob wir diese Masse an Bürofläche überhaupt brauchen – na ja, solange das Öl so viel kostet wie im Moment, brauchen wir ihn. Auch in London und New York gibt es Unmengen von leer stehenden Bürogebäuden, die während eines ähnlichen Booms gebaut wurden, insofern handelt es sich um eine normale Situation.
Was die Qualität der Bauarbeiten betrifft – das ist so eine Art Geißel Moskaus. Einerseits bekommt man natürlich Angst, wenn man all diese Arbeiter sieht, andererseits bleibt mir noch die Hoffnung, dass auch ausländische Firmen mit einbezogen werden, die sich nicht nur mit der Projektierung befassen, sondern auch auf den Fortgang und die Qualität der Arbeit achten. Es ist aber auch so, dass bei uns noch „wilde“ Baunormen gelten – alle versuchen, sich rückzuversichern. In Europa liegt die Feuerbeständigkeitsnorm für ein durchschnittliches Gebäude beispielsweise bei zwei Stunden, man geht also davon aus, dass bereits nach zwei Stunden sich niemand mehr im Gebäude aufhält – bei uns sind es vier Stunden. Demgemäß sind auch Wände und Dämmung dicker, und sogar, wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Baumaterialien beiseite geschafft wird, gibt diese zusätzliche Beständigkeit doch Anlass zu Optimismus.
Was den Untergrund betrifft – ganz Moskau steht auf sumpfigem Gelände (in Malaysia ist es noch schlimmer). Das Neue muss verteidigt werden, sonst wird es immer feindlich aufgenommen – als das erste unterirdische Einkaufszentrum Moskaus auf dem Manege-Platz gebaut wurde, haben alle gesagt, dass es einstürzen werde. Ich glaube nicht, dass es einstürzt, aber natürlich gibt es Probleme mit der Bauqualität. Es kann jedoch, dass wir die schon nicht mehr erleben werden.

AB: Was halten Sie von der Aussage, dass das „gute alte Moskau“ schon zerstört sei und alles, was jetzt gebaut oder restauriert werde, eher Potemkinsche Dörfer in Verbindung mit einem „Zähnefletschen des Kapitalismus“ sei?
AZ: Ich glaube, dass es jetzt schon keinen Sinn mehr macht, darüber zu reden – es sind nur einige einzelne Objekte, einige kleine Stückchen übrig. So gibt es zum Beispiel noch den Kreml, aber alles um ihn herum ist schon etwas völlig anderes, da gibt es keinerlei historischen Zusammenhang. Da ist die abgebrannte und wieder errichtete Manege, da ist das neu errichtete Hotel „Moskau“ und daneben die Universität, wo das letzte, was noch übrig ist, eine Ziegelmauer war, doch auch die hat man abgetragen und durch eine aus Stahlbeton ersetzt hat. Es ist doch komisch: so werden beispielsweise Routen erarbeitet, mit denen Touristen zu Fuß Moskau erkunden können – und es ist völlig unklar, wohin sie gehen und was sie erkunden sollen. Überall stößt man auf Neubauten. Die wenigen Überreste des alten, patriarchalischen Moskaus im chinesischen Viertel oder am Boulevard-Ring aus dem 18. und 19. Jh. verfügen zwar über ein gewisses Flair, stellen aber keinen architektonischen Wert dar. Weil sie einen solchen aber nicht darstellen, sind sie auch nicht denkmalgeschützt und daher leider auch dem Verfall preisgegeben. Bei uns ist es üblich, nur das Allerbeste, nur Gebäude erster Güte unter Schutz zu stellen – Gebäude zweiter und dritter Güte werden hingegen einfach abgetragen.
Wenn man wenigstens das Alte abtrüge und dann Gebäude von gleichem Ausmaße bauen würde – aber so sieht man schon mit dem bloßen Auge, wie in Moskau die Höhe der Häuser unkontrolliert und ungebremst wächst. Wo man früher ein Haus renovierte und aufbesserte, da fügte man noch eine Mansarde hinzu und hatte im Endeffekt ein Haus mit zwei Etagen und einer Mansarde. Jetzt hingegen macht man gleich vier Etagen und noch eine Mansarde daraus. Im Ergebnis haben wir jetzt eine Situation, in der das weiter vom Zentrum entfernte Fabrikmilieu viel historischer ist als das „hi-storische Zentrum“ – Bauherren und Moskauer Stadtverwaltung haben dort noch nicht Hand angelegt, weil die ganze Richtung eine neue wäre.

AB: Wie stehen Sie denn selber zu dieser Frage – vielleicht muss man ja wirklich all diese alten Gebäude abtragen, die keinen „kulturell-historischen“ Wert darstellen? Die Stadt muss schließlich wachsen und sich entwickeln.
AZ: Nun, eigentlich waren wir im 20. Jh. zu dem Schluss gekommen, dass man alles Alte schätzen und erhalten muss. Andererseits ist es, dass sich gute Architektur und eine wohnliche Stadt oft nicht miteinander vereinbaren lassen. In der Ecke der Ostozhenka-Straße gibt es wunderbare Häuser: das Kupferhaus von Sergej Skuratov, das Milchhaus von Jurij Grigorjan. Aber wohnlich ist es da nicht; es ist ein erstarrter, toter Raum, wo es keinerlei Leben gibt. Und genauso gibt es Flecken im chinesischen Viertel, deren Häuser keinen Wert darstellen, aber dafür gibt es irgendein Lebensmittelgeschäft oder ein Café, in dem sich Menschen treffen – und schon fühlen sich alle deutlich wohler. Geht man beispielsweise durch Istanbul, so sind im Erdgeschoss überall Geschäfte und Cafés, und man muss nur den Kopf heben, um die Moscheen und Minarette sehen zu können, diese ganze wunderbare Architektur, die den Menschen dennoch nicht bedrückt. In Moskau fängt dieses Thema öffentlicher Räume gerade erst an, eine Rolle zu spielen.

AB: Können Sie die, sagen wir, fünf wichtigsten Errungenschaften der neueren Moskauer Architektur nennen, die man unbedingt gesehen haben muss?
AZ: Ich habe gewisse persönliche Vorlieben – mir gefällt die zeitgenössische postmoderne Architektur. Wobei es bei uns mehrere Architekten gibt, die hervorragend mit der Neoklassik umgehen, welche mir zwar nicht besonders nahe ist, deren Leistungen ich aber trotzdem anerkennen kann. Meine persönlichen Favoriten sind:
• Vladimir Plotkin – Das Wohnhaus „Katamaran“
• Das Handelszentrum „Quadro“, ein seltenes Beispiel, wie mit der Landschaft gespielt und nicht wie sonst alles planiert und irgendetwas Flaches hingebaut wird
• Die Bauten, die vom Architekturbüro „Ostozhenka“ in den Nebenstraßen der
Ostozhenka-Straße geschaffen wurden – das Milchhaus, das Kupferhaus und das Haus aus braunem Ziegelstein in der Butikovskij-Straße Nr. 5

AB: Rund um das Milchhaus ergab sich während meiner Recherchen eine kuriose Situation, als die Wachmannschaften, die rund um die Ostozhenka scheinbar jedes einzelne Haus bewachen und mich zwei Minuten lang an meinem Fotoapparat haben herumhantieren sehen, mir versucht haben klarzumachen, dass man hier „nichts dürfe“. Auf meine nachdrücklichen Fragen, warum es verboten sein sollte, ein im öffentlichen Raum liegendes Haus zu künstlerischen Zwecken zu fotografieren, erhielt ich die Antwort „Man darf halt nicht und basta, und zu schreiben gibt es da auch nichts.“
AZ: Dann noch: Der City Tower (ebenfalls vom „Büro Ostozhenka“), der be-reits mit den verschiedensten Namen bezeichnet wurde – dreistes Gebäude, Pinguin, „Schwangeres Haus“, Segel… Nahe der Kirche der Unbefleckten Empfängnis in der Georgischen Straße gibt es ein Glashaus, das aus Gläsern verschiedener Farbtöne so gebaut wurde, dass der Blick auf den Kirchenturm nicht verstellt wird.

AB: Bezüglich dieses Hauses muss gesagt werden, dass seine zweifelsohne vorhandene Schönheit nur richtig gesehen und eingeschätzt werden kann, wenn man sich etwas von ihm entfernt – diese Möglichkeit gibt es aber gar nicht! Es liegt in einer engen Straße mit einem Brunnen, die einzige Möglichkeit besteht darin, in den Hof der Apostel-Philipps-Kirche zu gehen und sich durch die Kuppeln an den Details zu erfreuen.
Es gibt viele, die die Umgebung in ihre Arbeit einbinden und mit Details und Technologie umgehen können. Nehmen wir als Beispiel den Roten Bogen, eine Netzkonstruktion im Nordwesten Moskaus, an der an 72 Tauen ein Gemälde eines Restaurants über dem Wasser angehangen werden wird. Oder das Wohnhaus „Aerobus“ (Architekt – Wladimir Plotkin), eine schöne und doch verschreckende Sache, wie eine riesige Heftseite mit 2.000 Wohneinheiten, der Eingang in die Hausflure befindet sich in acht Metern Höhe, man muss den Fahrstuhl nehmen und die Spielplätze befinden sich ebenfalls dort auf der Ebene des Stylobat2. Man kann zu solcher Architektur unterschiedlich stehen, aber wenn man beobachtet, wie sich Moskau entwickelt, dann kann man vorhersagen, dass es vieler solcher Bauten geben wird.

AB: Welche Gebäude würden Sie ein für alle Mal vom Antlitz Moskaus tilgen?
AZ: Alle Architekten sind sich einig, dass die größte Katastrophe das Haus auf dem Arbat-Platz ist – auf der einen Seite hat man den Anfang des alten Arbats und das Restaurant „Prag“ und auf der anderen Seite steht dieses etwas. Auch das ist eine alte Geschichte, dort hat es lange Zeit eine Freifläche gegeben. Wissen Sie, zu Sowjetzeiten hat man gerne Häuser verschoben, man wollte das Restaurant „Prag“ auf die andere Seite verschieben und hier den Neuen Arbat verbreitern, weswegen man das Grundstück lange nicht freigegeben hat, und nun ist dort etwas so Monströses erwachsen. Und wenn es denn dabei geblieben wäre, aber nun zieht es um sich herum alles mit sich in die Höhe.
Des Weiteren gibt es auf den Roten Hügeln, dort, wo sich das Haus der Musik befindet, ein Hotel mit 33 Stockwerken. Es gibt nichts gegen ein Hotel einzuwenden, aber nun steht man auf dem Roten Platz neben der Basilius-Kathedrale und diese Spitze ragt in den Himmel.
Die allerschlimmste „Schönheit“ ist beim Hotel „Balchug“ auf der Kadashevskaya-Uferpromenade wo kein einziges altes Haus stehen geblieben ist – aber das Gebäude der Tretjakow-Galerie darf man, so heißt es, nicht anrühren, „dort darf es keine moderne Architektur geben“.
Wenn ich nach Petersburg fahre, beschwert man sich auch dort, dass irgendein schlechtes Denkmal gebaut wurde, und ich denke dann, dass es im Grunde schon nicht so schlimm ist, wenn es ein kleines und nicht ganz so auffälliges Denkmal ist. Denn das wichtigste an dem, was ich genannt habe, ist, dass es alle vorstellbaren Maßstäbe sprengt.
Zum Abschluss – einen Ausspruch des Architektur-Historikers Grigorij Revzin: „Es gibt eine große, lichte Idee – moderne Architektur, wie sie im Westen blüht, und unsere Aufgabe ist es, sie einzuholen, auf dass Glück einkehre. Es ist, als säße das Politbüro wieder in Zürich und würde von dort Direktiven schicken. Natürlich ist das wunderbar, aber irgendwie wünscht man sich doch etwas anderes. Die postsowjetische Architektur wollte das imperiale Gesicht Moskaus hinter sich lassen, hin zu einem Moskau von nicht-staatlichen Feiertagen, hin zu einem Moskau wie auf dem Gemälde des russischen Impressionismus „Azurblauer Februar“3, hin zu einem märchenhaften, unvollendeten Moskau, das zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts so krass mit dem staatstragenden Petersburg kontrastierte.“ (Grigorij Revzin, Weg zur Fassade-2 /Put’ k fasade-2 http://www.projectclassica.ru/14_2005/m_classik/14_classik_01a.html)
Ob in dem neuen imperialen Stil dieses „glückliche Sieden des Flieders“ noch zu finden sein wird, von dem Grigorij Revzin spricht, wird die Zeit zeigen. Wie dem auch sei, Moskau wird eine Stadt bleiben, die die Einbildungskraft beeindruckt und die danach strebt, alles Vorstellbare noch an Ausmaß, Größe und Prunk zu übertreffen, worin auch immer dieser Prunk, gemäß dem Geiste der Zeit, auch bestehen mag.

Die Autorin dankt dem Schöpfer der Seite „Das andere Moskau“, Nikolaj Malinin, dem Architekturkritiker Alexander Zmeul und allen anderen, die bei der Arbeit an diesem Artikel geholfen haben.

Für diesen Artikel wurden folgende Materialien genutzt:
Das Andere Moskau – http://drumsk.ru
Das Moskau, das es nicht gibt - http://www.kotoroy.net
Ivan Jezerskij. Konstruktivismus in Hausschuhen. (Itogi, Nr. 44, November 2002)
http://citytrends.ru
http://www.walkingcity.ru
http://www.projectclassica.ru
http://archi.ru
http://www.compromat.ru/main/tsereteli/lepota.html








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