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Kritik des transzendentalen Miserabilismus
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2012, 1
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Kritik des transzendentalen Miserabilismus

Zeitschrift Umělec 2012/1

11.03.2013 15:34

Nick Land | philosophy | en cs de

"Das Leben geht weiter und der Kapitalismus existiert auf eine Art und Weise, die nicht vorhersehbar war. Wenn das nichts ‘Neues’ ist, dann ist das Wort ‘neu’ zu einer hohlen Phrase geworden. Es muss wieder zusammengefügt werden zum einzigen Ding, das weiß, wie man es wirksam verwendet, zur Shoggothen –versammelnden, regenerativen Anomalisierung des Schicksals, zum unkontrollierbaren Werden unendlicher Plastizität, die die Natur vor ihm verzerrt und auflöst. Zu Dem Ding. Zum Kapitalismus."

Unter Neomarxisten macht sich die Tendenz bemerkbar, jede Hoffnung auf einen positiven Ökonomismus (‘die Produktionskräfte von kapitalistischen Produktionsverhältnissen befreien’) zu begraben und eine grenzenlose kosmische Verzweiflung an dessen Stelle zu setzen. Wer erinnert sich noch an Chruschtschows Drohung an den semikapitalistischen Westen – “wir werden Euch begraben”? Oder an Maos großes Versprechen, dass der Große Sprung nach vorn garantieren würde, dass die chinesische Wirtschaft innerhalb von 15 Jahren die des Vereinigten Königreichs überholen würde? Heute herrscht der Frankfurter Geist: Gebt zu, dass der Kapitalismus seine Konkurrenten unter fast allen denkbaren Umständen hinter sich lassen wird, während Ihr genau dieses Zugeständnis in einen neuen Fluch verkehrt (“Wir wollten sowieso nie Wachstum, das buchstabiert eh’ nur Entfremdung aus, und übrigens, hast Du nicht gehört, dass die Eisbären im Meer ertrinken…?”). Von Baudelaires Le Voyage, mit seiner schwermütigen Entdeckung, dass sich das menschliche Laster überall selbst an den exotischsten Orten  gleicht, bis zur linken Lesart Phillip K. Dicks als gnostische Anklage kommerzialisierten Wandels ist kapitalistische Vielfalt und Innovation als Differenz ohne wesentliche Differenz aufgerechnet worden: einfach mehr von der gleichen sinnfreien Verschiedenheit. Der Großmeister dieses Schachzugs ist Arthur Schopenhauer, der ihm ausdrückliche philosophische Genauigkeit als eine Weise transzendentalen Verstehens verliehen hat.

Da Zeit die Quelle unserer Leiden ist – Phillip K. Dicks ‘Black Iron Prison’ – wie kann von irgendeiner Evolution erwartet werden, uns zu retten?

Deshalb stellt sich der transzendentale Miserabilismus als uneinnehmbare Bastion der Negation dar. Es versteht sich von selbst, dass kein essentieller Anteil eines marxistischen Historizismus in der ‘kommunistischen’ Version dieser Haltung überlebt. Tatsächlich ist alles, was von Marx bleibt, wenn Ökonomie und Geschichte erst einmal rundum aufgegeben worden sind, ein psychologisches Knäuel von Verbitterungen und Verstimmungen, die auf das Wort ‘Kapitalismus’ in seinem ungenauen und negativen Gebrauch reduzierbar sind: als Name für alles was schmerzt, verhöhnt und enttäuscht.

Für den transzendentalen Miserabilisten bedeutet ‘Kapitalismus’ das Erleiden eines Begehrens, das ruiniert, der Name für alles, was in der Zeit gewollt werden könnte, eine unerträgliche Qual, deren endgültige Natur vom gnostischen Seher als Verlust, Hinfälligkeit und Tod demaskiert wird. Und in Wahrheit ist es nicht unangemessen, dass Kapitalismus das Objekt dieser empörten Anschwärzung werden sollte.

Ohne Bindung an irgendetwas, jenseits seines eigenen bodenlosen Überflusses, identifiziert sich der Kapitalismus selbst in einem Maße, von dem kaum vorstellbar ist, dass es übertroffen werden kann, mit dem Begehren und wirbt schamlos jeglichen Impuls, der zu einem Zuwachs ökonomisierbarer Triebregung beitragen könnte, für seine sich andauernd vervielfachenden, produktiven Initiativen ab.

Was auch immer Du willst, der Kapitalismus ist der verlässlichste Weg, es zu erlangen, und indem er jede Quelle sozialer Dynamik aufsaugt, verwandelt der Kapitalismus Wachstum, Veränderung und selbst die Zeit in wesentliche Bestandteile seines sich endlos ansammelnden Stroms.

‘Go for growth’ heißt heute ‘Go (hard) for capitalism’. Es wird zunehmend schwieriger, sich daran zu erinnern, dass diese Gleichung einmal kontrovers erschienen wäre.

In der Linken wäre sie früher als lachhaft zurückgewiesen worden. Das ist die neue Welt, die der transzendentale Miserabilismus als mürrisches Gespenst heimsucht.

Vielleicht wird es immer einen modischen Antikapitalismus geben, doch er wird wieder aus der Mode kommen, während der Kapitalismus – immer enger mit seiner eigenen Selbstüberbietung identifiziert – zwangsläufig und in alle Ewigkeit “the latest thing“ sein wird. Die ‘Mittel’ und ‘Verhältnisse’ der Produktion haben sich zeitgleich mit konkurrierenden, dezentralen Netzwerken unter zahlreicher Kontrolle verbunden und schüren paleo-marxistische Hoffnungen, aus der Kapitalismusmaschine eine postkapitalistische Zukunft zu gewinnen ­– bisher unvorstellbar. Die Maschinen haben sich in ein Jenseits der Möglichkeit sozialistischer Brauchbarkeit entwickelt und inkarnieren Marktmechaniken innerhalb ihrer auf Nanoebene zusammegefügten Zwischenräume, während sie sich durch quasi-darwinistische Algorithmen, die den Hyperwettbewerb in die ‘Infrastruktur’ einfügen, weiterentwickeln. Es ist nicht länger nur die Gesellschaft, sondern die Zeit selbst, die den ‘kapitalistischen Weg’ genommen hat.

Daher der logische Schluss des transzendentalen Miserabilisten: Die Zeit ist auf der Seite des Kapitalismus, der Kapitalismus verkörpert alles, was mich traurig macht, also muss die Zeit böse sein.

Die Eisbären ertrinken im Meer und es gibt nichts, was wir dagegen tun können.

Der Kapitalismus beschleunigt sich noch immer, obwohl er schon Neuheiten ermöglicht hat, die früher jenseits menschlichen Vorstellungsvermögens lagen. Doch was ist menschliches Vorstellungsvermögen? Es ist eine ziemlich dürftige Sache, nur ein Nebenprodukt der neuronalen Aktivität von Unterarten irdischer Primaten. Kapitalismus dagegen hat keine äußere Begrenzung, er hat Leben und biologische Intelligenz ausgebeutet, um ein neues Leben und eine neue Ebene der Intelligenz zu schaffen, jenseits menschlicher Vorahnung. Der transzendentale Miserabilist hat natürlich ein unveräußerliches Recht darauf, gelangweilt zu sein. Ob das neu ist? Es ist noch immer nichts als Veränderung.

Wozu der transzendentale Miserabilismus kein Recht hat, ist der Anspruch auf eine positive These. Der marxistische Traum von Dynamik ohne Konkurrenz war nur ein Traum, die Neuformulierung eines alten monotheistischen Traums ­– der Wolf ruht beim Lamm. Wenn solch ein Traum als ‘Vorstellung’ zählt, dann ist Vorstellungsvermögen nichts weiter als ein Defekt der Art: die Konfektionierung kitschiger Widersprüche zu utopischen Fantasien, um zugunsten steriler Negativität gegen die Realität gewendet zu werden. ‘Postkapitalismus’ hat keine wirkliche Bedeutung, außer einem Ende der Maschine der Veränderung.

Das Leben geht weiter und der Kapitalismus existiert auf eine Art und Weise, die nicht vorhersehbar war. Wenn das nichts ‘Neues’ ist, dann ist das Wort ‘neu’ zu einer hohlen Phrase geworden.

Es muss wieder zusammengefügt werden zum einzigen Ding, das weiß, wie man es wirksam verwendet, zur Shoggothen (Anm d. Red.: künstlich entwickelte Protoplasma-Ansammlungen in H. P. Lovecrafts Necronomicon) -versammelnden, regenerativen Anomalisierung des Schicksals, zum unkontrollierbaren Werden unendlicher Plastizität, die die Natur vor ihm verzerrt und auflöst.

Zu Dem Ding. Zum Kapitalismus.

Und wenn das den transzendentalen Miserabilisten unglücklich macht, dann ist die einfache Wahrheit: Alles würde das.

 

 

 

Aus dem Englischen von Christina Borkenhagen.

Auszüge aus Nick Land, Fanged Noumena: Collected Writings 1987-2007, Hrsg. R. Mackay and R. Brassier, Verlag Urbanomic (UK) und Sequence Press (US), 2010. www.urbanomic.com / www.sequencepress.com





11.03.2013 15:34

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