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Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2011, 1
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Was sieht man vom Gipfel des Dark Mountain

Zeitschrift Umělec 2011/1

01.01.2011

Tristan Russel | lösungen | en cs de

Interview mit Dougald Hine


Wie so viele Dinge ist die Zukunft ein unsicherer Ort. Machen wir Pläne, nur um sie dann am Rebstock verdorren zu lassen, oder um den Strom der Geschichte an uns vorbeispülen zu sehen? Bei so vielen Dingen, an die wir denken, und so vielen Metaphern, die wir nutzen können, ist es ein Wunder, dass wir überhaupt etwas zustandebringen. Die Zukunft könnte also als ein fantasievoller Raum betrachtet werden, als eine Art Luxus in dieser hektischen modernen Welt, in dem man schwelgen kann. Leben wir nicht bereits in der Zukunft? Und verbessern Sie mich, wenn ich falsch liege, aber ich bin ziemlich sicher, man erzählte mir einst, dass mit dem Ende der achtziger Jahre auch die Geschichte enden würde. Dieser ideenreiche Raum aber ist ein fundamentaler Teil unserer biologischen Veranlagung; die Möglichkeit, unsere Gedanken ins Zukünftige zu projizieren und abstrakte Konzepte in kleinerem Maße zu entwerfen, ist das, was uns zu Menschen macht. Ohne die Zukunft riskieren wir den Stillstand.

Es ist ganz normal, sich solche Fragen zu stellen. Vernünftige Antworten zu erhalten, ist ein wenig ungewöhnlicher.

Ich traf Dougald Hine, neben Paul Kingsnorth Mitbegründer des Dark-Mountain-Projekts, das erste Mal auf den oberen Stufen der Treppe zur Prager U-Bahn-Station Náměstí Republiky. Dougald, der bereits einige Zeit bei der BBC gearbeitet und etliche zukunftsweisende soziale Projekte ins Leben gerufen hat, beabsichtigt nun, Menschen einen Raum zum Verschrotten von solchen Sorgen und Konzepten zu bieten, die aus dem Niedergang der westlichen Zivilisation entstehen können. Ich sollte noch klarstellen, dass es sich nicht um eine apokalyptische Vision handelt, sondern eher um eine pragmatische Haltung, die aus der Schlussfolgerung resultiert, dass „auch das enden muss“. Das folgende Interview ist aus unserer Begegnung entstanden. Es handelt vom „gelehrten“ Lesen bis zur Verbreitung der Jugaard-Technologie. Vielleicht können wir ja zeigen, dass das „Ende der Welt“ nicht das Ende der Welt ist.
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Was ist das Dark Mountain Project? Am Anfang des Dark Mountain Project stand eine Unterhaltung zwischen mir und Paul Kingsnorth in einem Pub. Wir hatten uns aus einer gemeinsamen Frustration über die aktuelle kulturelle Situation heraus getroffen, und obwohl wir aus unterschiedlichen Richtungen kommen, teilten wir dieselben Schlussfolgerungen. Paul als stellvertretender Chefredakteur von The Ecologist spürte eine wachsende Frustration gegenüber dem Mainstream-Diskurs in der Umweltschutzdebatte, in der sich der Begriff „Nachhaltigkeit“ auf den Versuch beschränkte, unseren derzeitigen Lebensstil nachhaltig zu sichern. Zwar hatte die Ökologiebewegung ihre Befürchtungen in die Mainstream-Kultur eingebracht, jedoch im Laufe des Prozesses die kritische Denkweise verloren, die einst mit ihr verbunden war.
Wir sind beide Schriftsteller, und vor diesem Hintergrund hatten wir das Gefühl, dass in der englischsprachigen Literatur, mit der wir über die Feuilletons der Zeitungen gefüttert werden, die Debatte um die aktuelle Lage der Welt keine Rolle spielte. Den hochgejubelten Romanen fehlte es an einem gewissen Engagement. Obwohl man das so eigentlich nicht sagen kann. Es ist ja nicht so, dass zeitgenössische Autoren nicht engagiert schreiben, aber in den meisten Fällen werden ihre Annahmen in der nahen Zukunft höchstwahrscheinlich lediglich als irrelevant wahrgenommen.

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Was macht das Projekt gerade jetzt so notwendig? Ich glaube, dass eine Menge Leute lange darauf gewartet haben, offen ihren Zweifeln bezüglich der Diskussion über Umweltschutz, Nachhaltigkeit und den apokalyptischen Schatten, der die moderne Kultur zu verfolgen scheint, Ausdruck verleihen zu dürfen. Außerdem finde ich es ziemlich ironisch, dass dem Dark Mountain Project nachgesagt wurde, es würde eine Art Apokalypse prophezeien oder sogar darauf hoffen. Unser Manifest endet mit den Zeilen: „Das Ende der Welt, so wie wir sie kennen, ist nicht das Ende der Welt, und damit Schluss.“ Die Mainstream-Kultur scheint die Zukunft auf zwei Möglichkeiten zu beschränken: Entweder können wir weiter so leben wie bisher, oder es tritt das Alptraum-Szenario aus Cormac McCarthys The Road ein, in dem gar kein Leben mehr möglich ist. Der Mittelweg – eine Zukunft, die anders ist als die Gegenwart, weil es viele Dinge nicht mehr gibt, in der das Leben aber weiterhin lebenswert ist – wird gar nicht erst als Möglichkeit besprochen. Dabei werden wir uns am wahrscheinlichsten genau in diesem Zwischending wiederfinden. Und eben hier ist unsere Fantasie am meisten gefragt. Ich meine damit keine Science-Fiction-Fantasie, sondern eine bestimmte Vorstellungskraft. Durch diese werden wir Verhaltensweisen entwickeln, mit deren Hilfe wir einen guten Weg durch die Zerrüttungen und Schwierigkeiten finden können, die das Ende der für uns gewohnten Welt begleiten werden.

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In jeder Zusammenarbeit gibt es gewisse Differenzen. Was waren – so es sie gab – die schwierigsten Hindernisse, sei es nun auf intellektueller oder praktischer Ebene, die Sie und Paul gemeinsam zu überwinden hatten? Ich hatte viel Glück in den Partnerschaften, die meine Arbeit im Laufe der letzten Jahre begleitet haben. Weil ich Leuten begegnet bin, die sich ähnliche Fragen stellten, sich ihnen aber auch vor dem Hintergrund verschiedener Erfahrungen, Stile oder Geschmäcker näherten. Was meine Beziehung zu Paul betrifft, so glaube ich, dass ich Dinge eher über Umwege angehe, während er Sachen direkt anpackt. Für eine Partnerschaft im Arbeitskontext ist diese Kombination sehr hilfreich. Zwei verschiedene Stimmen und Stile zu haben, zeigt außerdem auch, dass das Dark Mountain Project keine simple didaktische Vision vermitteln will. Auch wenn das einige Leute enttäuscht haben mag, die eine präskriptive Struktur oder ein definiertes politisches Ziel bevorzugt hätten. Doch diese Kombination ermöglichte es uns, Raum für Diskussionen zu öffnen, statt uns hinter einer simplen Gegenposition zu verschanzen.

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Auf Ihrer Webseite wird auch der Schriftsteller John Berger als Unterstützer aufgeführt. Was macht ihn in Ihren Augen zu einem wichtigen Vorkämpfer Ihres Projektes? Einer der wichtigsten Aspekte ist für mich der Veränderungsprozess, der Bergers Arbeit charakterisiert. Dieser Prozess ist das Resultat seiner Entscheidung, mit französischen Bauern in den Alpen zusammenzuleben. So entsteht ein vielschichtiger Dialog zwischen dem marxistischen Humanismus, der auf scharfsinnige und auch kraftvolle Weise schon in Bergers frühen Arbeiten vorkommt, und dieser anderen Art, die Welt zu sehen und zu leben.
In der ersten Ausgabe von Dark Mountain schreibe ich über den Versuch Bergers, den Widerspruch auszutesten zwischen dem, was man glauben und dem, was man ertragen kann. Das Ergebnis ist eine klare Absage an den Nihilismus unserer Konsumkultur, denn dieser kann lediglich innerhalb der Komfort-Blase aufrecht erhalten werden, die unsere Wahrnehmung der Realitäten der menschlichen Existenz betäuben soll. Berger beschreibt als Gegensatz dazu die Fähigkeit der Bauern, dem Chaos eine Bedeutung abzutrotzen. Die Kraft und Beständigkeit, die sie mitbringen, ist – wie er sagt, und das glaube ich ihm auch – dazu im Stande, unsere bequeme Sicht der Welt zu überdauern. Das ist schlussendlich der Punkt, an dem sich das Ästhetische und Politische seiner Werke im Primat des Sehens und der Wahrnehmung treffen. Die Reichen definieren sich mittlerweile darüber, Mauern hochzuziehen, schreibt er – sowohl physische Mauern, wie in Palästina, aber auch gedankliche Mauern, als Schutz vor der Realität, als Anästhesie. So ist es eigentlich nur den Armen möglich, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist.

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Welche anderen Künstler oder Schriftsteller haben Ihre Vision des Dark Mountain Projects inspiriert? Nun ja, ich wehre mich sehr bewusst dagegen, meine Helden und Heldinnen zu schanghaien und ihre Arbeit für meine Zwecke einzusetzen. Unter Berücksichtigung dieses Hinweises gibt es natürlich einige Schriftsteller und Denker, deren Werke uns dazu ermuntern sollten, unsere Pläne und Schemata neu zu entwerfen, wie Geoff Dyer es ausdrückt. Der Philosoph Ivan Illich zählt sicher zu ihnen und auch Alan Garner, der für mich wirklich einer der großen zeitgenössischen englischsprachigen Schriftsteller ist. In seiner späteren Arbeit finden sich eine solche Tiefe und Kraft, die uns hinauszieht aus den bequemen Gewissheiten der heutigen Zeit hin zum Abgrund der Geschichte. Die Frage, um die es hier geht, ist jedoch noch weitreichender. Wir tendieren dazu, die Vergangenheit als eine schlechte Version der Gegenwart zu behandeln, als eine Art ersten Entwurf, einen verworfenen Prototypen. Um hier zwei scheinbar gegensätzliche Beispiele zu nennen, seien sowohl christliche Fundamentalisten als auch Atheisten à la Richard Dawkins genannt. Beide leiden an einer akuten Version dieser Gewohnheit. Beide Seiten bestehen darauf, das Buch Genesis als eine frühe Art Physik- und Biologiebuch zu lesen. Bei Garner hingegen wird man mit der radikalen Fremdheit der Vergangenheit konfrontiert, damit, wie anders die Welt von anderen Zeiten und Orten aus betrachtet aussieht. Das ist ein möglicher Weg jenseits dessen, was wir gewohnt sind, nämlich die Welt als eine Blase zu sehen. Ein weiterer wichtiger Schriftsteller in diesem Zusammenhang ist William Golding. Er betrachtet es als unmöglich, die Schaffungsgeschichte der Dinge zu ignorieren, die Vergangenheit innerhalb der Gegenwart, den sich im Resultat widerspiegelnden Prozess. Vielleicht kann man die Unterscheidung so formulieren: Es existiert einerseits die Sichtweise, nach der alles innerhalb eines zeitlichen Kontextes situiert wird, und andererseits die Art von Schriftstellern, die immer nur die gegenwärtigen Aspekte des von ihnen behandelten Gegenstands sehen. Golding formuliert diesen Gedanken in einer Geschichte darüber, wie er auf die Idee kam, The Spire zu schreiben. Er stand auf der Brücke mitten in Salisbury und wunderte sich darüber, wie der englische Schriftsteller Anthony Trollope so viel über diese Stadt und ihre Kathedrale schreiben konnte, ohne auch nur ein Wort über den Turm zu verlieren. In Trollopes Barchester Chronicles wird dieser kaum erwähnt. Golding schlussfolgert also, dass sich der Schriftsteller nicht besonders intensiv damit beschäftigt hat, was Dinge früher darstellten oder auch, wozu sie im Laufe der Zeit wurden, sich also eigentlich gar nicht für ihren Sinn interessierte. Das Ganze könnte man auch marxistisch lesen: Trollope verkörpert eine bürgerliche Einstellung gegenüber der Realität, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war, als die Verbindung zwischen den Entstehungsbedingungen der Produktion und den erlebten Umständen des Konsums verschleiert wurde. Dieses Konzept kann nur aufrecht erhalten werden, wenn wir vermeiden, zu sehr darüber nachzudenken, wie die uns umgebenden Dinge entstanden sind und gemacht wurden. Und dann wird natürlich sehr schnell klar, dass diese Auffassung gar nicht so weit entfernt ist von unseren eigenen Erfahrungen. Es gibt verschiedene Wege, über Schriftsteller wie Golding zu dieser Einstellung zu finden. Das sind die Arbeiten, die Dark Mountain sucht und bejubelt. In Bergers Fall wiederum führt der Weg sicherlich über Marx, bei Garner hingegen rührt die Entwicklung von einer älteren Kultur der Handwerkskunst her, die Teil seiner eigenen Familiengeschichte ist. In jedem Fall führt diese Geisteshaltung dazu, der Vergangenheit und der Zukunft der Dinge ein großes Maß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, aber auch den Geschichten um sie herum und der ganzen Zuwendung, die in ihnen eingebettet ist.

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Neben den Arbeiten von Schriftstellern ist eine ganze Reihe anderer Kunstformen im Projekt vertreten. Gibt es für Sie eine spezielle Kunstform, die sich ganz besonders dazu eignet, Veränderungen in unserem Gesamtbewusstsein hervorzurufen? Meiner Auffassung nach geht es in dem Projekt weniger darum, Veränderungen zu bewirken, sondern vielmehr darum, die Realität und ihre Entwicklung zu beobachten und Möglichkeiten zu finden, auf die jetzt schon überall bemerkbaren Veränderungen zu reagieren und mit ihnen zu interagieren.
Es gibt da ein Interview von Bruce Sterling mit den Designern Dunne & Raby. Darin sprechen sie über ihre Studenten, die schätzungsweise Anfang zwanzig sind, und darüber, wie die einzelnen Rollenbilder, die wir gewöhnlicherweise als Schriftsteller, Designer oder sonst was identifizieren, so unscharf wurden und ineinander flossen, dass sie inzwischen gar nicht mehr ernst genommen werden. Man muss den Leuten erklären, wie klar die Grenzen zwischen diesen Rollenbildern bis vor kurzem noch waren. Ich denke, Improvisationskunst wird immer wichtiger. Für mich ist das eine Entwicklung, die uns dabei helfen kann, unser Leben in schwierigen Zeiten gut zu gestalten. Viele junge Designer sind momentan begeistert vom indischen jugaad-Konzept, von diesem klapprigen, improvisierten Zusammenbauen von Materialien, die man gerade zur Hand hat. Für das westliche Auge sieht das immer so aus, als ob es nicht funktionieren könne, und dennoch tut es das.
An dieser Stelle sehe ich eine weitere Schnittstelle zwischen zwei unterschiedlichen Arten, mit der Realität umzugehen, nämlich zwischen Improvisation und Orchestrierung. Improvisation halten wir für diese komplizierte Expertenkompetenz, doch entstand dieses Denken nur als Folge der Industriellen Revolution. Das ist meiner Ansicht nach eine ganz besondere historische Perspektive. Eine, die die Industrielle Revolution und die damit einhergehende Zeit der Orchestrierung sehr wichtig nimmt. Es gibt da ein verbindendes Element zwischen dem Aufkommen von Fabriken und dem Aufkommen großer Orchester, der Massenkoordination von menschlichen Körpern, alle unter dem Willen eines einzigen Direktors. Historisch gesehen ist das der Moment, in dem die Konvention öffentlichen Schweigens in den Straßen und im Theater zum ersten Mal aufkommt. Auch kann man eine Veränderung in den Kauf- und Verkaufsgewohnheiten feststellen – früher gab es den Marktplatz, auf dem Preise aus sozialen Interaktionen heraus entstanden, jetzt dominieren Schaufenster von Kaufhäusern, vor denen man einfach nur mit offenem Mund stehen bleiben kann.
Trotz alledem: Heute geht es um die Fähigkeit, sich Anstrengung und Begehren durch neue Technologien und Systeme zu Nutze zu machen. Wir leben in einer Welt, in der Orchestrierung zur Gewinnerstrategie wurde. Das mag zwar nie gut für Herz und Geist gewesen sein, aber gerade jetzt stellt sich immer mehr die Frage, ob dieses Modell nicht seine Grenzen erreicht hat, selbst auf den Ebenen, auf denen es um die Bereitstellung der Waren geht. Unsere Systeme werden immer komplexer; die Orchestrierung ist eng gekoppelt an Prekarität, die Zukunft wird immer unvorhersehbarer. Die Improvisationsfähigkeiten und ‑strategien hingegen funktionieren beinahe schon ohne das Wissen darüber, was als nächstes passieren wird, auch unter Rahmenbedingungen, bei denen es nicht hilft, einen Plan zu haben. Ich glaube, hier bieten sich uns Möglichkeiten, durch Zeiten großer Ungewissheit hindurch zu finden, die uns ja jetzt schon umgibt.

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Um auf Ivan Illich zurück zu kommen: Können Sie uns ein bisschen mehr über die Verbindung zwischen seiner Arbeit und dem Dark Mountain Project erzählen? Was ich bei Illich hilfreich finde, ist die historische Tiefe seiner Argumente. So schreibt er in seinen Arbeiten aus den frühen neunziger Jahren vom „Tod des Bücherlesens“ – eine Phrase, die er bei George Steiner entlehnt. Damit erzählt er die Geschichte von der Transformation der Universität von einer bücherzentrierten hin zu einer informationszentrierten Institution. Was so kraftvoll ist an der Art, wie er diese Entwicklung beschreibt und was ihn auch vor einer reaktionären Haltung bewahrt, ist seine Fähigkeit, sowohl den Anfang als auch das Ende der „Universität der Bücher“ zu berücksichtigen. Er denkt sozusagen in langen Schritten. So kann er den Verlust der guten Dinge beklagen und eine fundierte Kritik des neuen Zeitalters der Informationssysteme liefern, gleichzeitig aber auch in diesem historischen Moment die Möglichkeit anerkennen, wieder an etwas anzuschließen, was schon in einer früheren Übergangsphase verloren ging oder marginalisiert wurde, nämlich im Veränderungsprozess von der Zeit des monastischen Lesens hin zur scholastischen Lesekultur, aus der die Universitäten hervorgingen.
Monastische Zentren der Lehre orientierten sich an einer kommunalen, durch Stimmen und Menschen verkörperten Lesekultur. Innerhalb von ein oder zwei Generationen entstand dann ein komplett neuer Apparat auf Basis der Direktzugriffs-Technologie, alphabetischer Index genannt, sowie eine ganze Heerschar anderer neuer Technologien. Diese Veränderung fand Hunderte von Jahren vor dem Entstehen der Druckmaschine statt, aber Illich sieht darin eine sehr bedeutsame Wende, weil sie die Privatisierung des Lesens zur Folge hat und zu der Tendenz führt, Wissen vielmehr als eine erwerbbare Ware zu sehen als einen den Wissenden verändernden Prozess. Illich zeichnet sich eben durch diese komplexe Einstellung gegenüber der Geschichte aus, die weder eine kalte Distanzierung noch eine romantische Überschätzung der Vergangenheit oder Zukunft ist.

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In mehreren Gesprächen erwähnten Sie die Loslösung der Menschheit von der Natur und die Notwendigkeit, sich wieder damit zu befassen. Doch war es nicht unsere anfängliche Faszination für die natürliche Welt in der Geburtsstunde unserer modernen Wissenschaften, die uns auf diesen Kurs gebracht hat? Und wenn ja, was schlagen Sie vor, um diese Entwicklung zu stoppen? Der Blogger Ran Prieur könnte hierauf besser Antwort geben – er schreibt faszinierende Essays und Blog-Einträge über den zyklischen Aufstieg und Fall von Zivilisationen, er denkt weit in die Vergangenheit und Zukunft hinein. Die Frage, mit der wir uns im Dark Mountain Project beschäftigen, ist eine bescheidenere. Wir fragen uns, wie wir heute und in naher Zukunft leben, wie wir so gut wie möglich durchkommen können. Und wir sind uns dessen bewusst, dass viele Fragen offen bleiben und erst von zukünftigen Generationen beantwortet werden können.
Aber nun zur Frage. Das Paradox der Naturphilosophie – wie die Gründer der wissenschaftlichen Revolution ihre Arbeit beschrieben hätten – besteht darin, dass das Wiedererwachen der Faszination für die Welt mit einer Distanzierung von der Welt einherging. Man kann dies gut an den Wurzeln der Anthropologie und Folkloristik im 18. und 19. Jahrhundert sehen. Hier war zwischen hoher und niedriger Kultur eine Lücke entstanden, wie sie einige Generationen zuvor noch nicht existierte. Diese Kluft erlaubte es der Elite der damaligen Zeit, „niedrigere“ Formen von Kultur als etwas Seltsames und Faszinierendes wiederzuentdecken. Nun, diese Spaltung geht zeitlich einher mit dem Aufstieg der Naturphilosophie und einer radikalen Veränderung im Umgang mit dem, was wir zu wissen fähig sind. Für Hamlet gab es noch „mehr Dinge im Himmel und auf Erden … als in unserer Philosophie geträumt werden“. Shakespeares Welt charakterisierte sich durch die Möglichkeit der Koexistenz mit dem Unbekannten. Im Laufe des 17. Jahrhunderts fand jedoch eine beträchtliche Erweiterung der Bandbreite möglichen Wissens statt. Einerseits ist das logisch, weil es, bezogen auf bestimmtes Wissen, große Fortschritte gab, die wir inzwischen Wissenschaft nennen. Aber parallel dazu fand auch eine nicht-wissenschaftliche Neudefinition der Realität statt – eine noch nie dagewesene und unbegründete Behauptung, dass alles Reale auch von den Menschen gewusst und verstanden werden muss. Das „Unbekannte“ wurde zu einem Territorium, das es zu erobern galt. Dies ist eine heftige Zäsur gegenüber der älteren und in vielerlei Hinsicht vernünftigeren Einstellung, gemäß der wir „in einen Spiegel schauen und nur rätselhafte Umrisse sehen“ – unser Bewusstsein der Realität als ein nebulöses Spiegelbild von etwas Vollständigerem und immer teilweise Mysteriösem. Diese kindliche, bescheidene, Wunder-volle Auffassung wurde ersetzt durch die neue direkte Vision – im wahrsten Sinne des Wortes dank der bahnbrechenden, prägenden Erkenntnisse im Bereich der Optik. Aber auch in den Geschichten rund um das Erwachsenwerden der Menschheit, die sich zum Selbstbild der Aufklärung weiter entwickeln sollte. In all dieser Aufregung kamen wir bei der Idee an, dass es möglich sein sollte, den Himmel auf Erden zu erschaffen. Und während uns dies von gewissen Dogmen befreite, war die so eröffnete Welt nicht allein auf wissenschaftlichem Wissen basiert, sondern auf einer neuen Serie von Geschichten. Gefährlich wird dies, wenn die Verstrickung dieser Geschichten mit der Wissenschaft zur Verleugnung der Tatsache führt, dass sie eben Geschichten sind, und zwar keineswegs die einzigen Geschichten, die erzählt werden können. Noch einmal – hier kommt es zu der paradoxen Situation, dass uns durch die Befreiung von gewissen ungesunden Dogmen auch eine Art epistemologische Bescheidenheit abhanden gekommen ist, die früheren Verständnisformen von Realität eigen waren. So kam es dazu, dass – obwohl unser wissenschaftliches Wissen uns eine effektivere Erforschung der Natur ermöglichte – die entsprechenden Überzeugungen in den meisten Fällen eher hinderlich für ein tieferes Verständnis und eine engere Beziehung zu der Welt, deren Bestandteil wir sind, waren.

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Die Denkideen und -prozesse, auf die Dark Mountain langsam hinwirken möchte, brauchen möglicherweise Jahrzehnte, um Wurzeln zu schlagen. Über welche Mechanismen ist das Ihrer Vorstellung nach möglich? Haben wir überhaupt den Luxus der Zeit, darauf zu warten? Das Schwierige an dieser Frage ist die Tatsache, dass wir das Projekt nicht als eine Kampagne sehen, die gewonnen werden muss oder als einen Versuch, „Verhaltensänderungen“ zu bewirken. Dark Mountain lädt an erster Stelle alle ein, die sich an einer Diskussion mit uns beteiligen und nach Formen des Schreibens und Sehens suchen wollen, die den Blick der unbekannten Welt, auf die wir zusteuern, zu treffen vermögen. Es inspiriert uns, dass viele der Leute, die unserer Einladung gefolgt sind, von einem Gefühl der Erleichterung berichteten. Davon, dass sich für sie Blockaden gelöst haben. Und dass sie zu uns zurückkommen, um uns mit ihren eigenen Ideen und Gefühlen zu überraschen.
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Haben Sie das Gefühl, dass das Projekt unter Ihrer Kontrolle zu einer unabhängig funktionierenden Einrichtung heranwachsen sollte? Ich glaube, das ist bereits passiert. Gespräche und Diskussionen lassen sich gar nicht kontrollieren. Wie auch immer, sie sind etwas nebenbei Improvisiertes. Was uns wiederum zurückbringt zu dieser Bedeutung der Improvisation als etwas tief in dem, was menschlich sein bedeutet, Verwurzeltes. Unser Manifest war eine Möglichkeit, diese Diskussion zu beginnen, aber was danach passiert, können Paul und ich in keinster Weise kontrollieren. Schon jetzt finden von Dark Mountain inspirierte Events an verschiedenen Orten statt.
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Nun kommt die Desert-Island-Disc-Frage (für unsere Leser außerhalb Großbritanniens: die Schlüsselfrage der seit den vierziger Jahren laufenden Sendung auf BBC Radio 4): Wenn sich die wirtschaftliche Talfahrt und der damit verbundene technologische Niedergang fortsetzen, was hoffen Sie, in die Zukunft mitnehmen zu können? [Denkt nach.] Also, die John-Gray-Antwort wäre irgendwas wie anästhetische Zahnmedizin. Die Vinay-Gupta-Antwort wäre das Internet, wegen seiner Fähigkeit, Informationen zu verbreiten. Für mich persönlich wären es jedoch meine Freundschaften und persönlichen Kontakte. Die Menschen, denen man vertraut und die einem vertrauen, sind die diejenigen, die einen auch in schweren Zeiten begleiten.

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Vieles, worüber wir gesprochen haben, basiert auf der Annahme, dass die für uns gewohnten aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen untergehen werden. Dennoch scheint Sie das nicht sonderlich zu beunruhigen. Warum nicht? Die Menschheit ist gut darin, sich durchzuwursteln. Wir sind seit einer sehr langen Zeit hier, und einige Dinge sind uns angeboren, wie zum Beispiel die Fähigkeit, selbst in Not und Elend noch einen Sinn zu finden.

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Was würde das im Gegenzug bedeuten? Es geht nicht darum, Not und Elend zu romantisieren. Wir bewegen uns in einem Tanz zwischen den harten materiellen Elementen der Realität und den weicheren Elementen des sozialen Umgangs. Sinn finden wir, indem wir die sozialen und kulturellen Komponenten anpassen, wodurch wir dann wiederum auch die härtere materielle Realität besser in den Griff bekommen.


Aus dem Englischen von Elisabeth Dobbler.






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