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oder Die ZlÍn: Nennt es nicht Utopie Gartenstadt eines Unternehmers, der Träume in Sekunden verwandelte
Zeitschrift Umělec
Jahrgang 2010, 2
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oder Die ZlÍn: Nennt es nicht Utopie Gartenstadt eines Unternehmers, der Träume in Sekunden verwandelte

Zeitschrift Umělec 2010/2

01.02.2010

Alena Boika | in transition | en cs de

Die Stadt Zlín lernte ich zu der Zeit kennen, als ich mich mit Jekaterinburg näher beschäftigte, eine Stadt, die für ihre hervorragenden Denkmäler des Konstruktivismus bekannt ist. Beide Städte können stolz darauf sein, dass dort Ideen realisiert wurden und ihre Bauweisen Formen aufweisen, die Zeugnis einer Utopie sind. Der Unterschied zwischen beiden Städten besteht darin, dass Jekaterinburg, einst Swerdlowsk, in den Rang der „vergessenen“ und einfach für ungültig erklärten Utopien überging. Zlín (von 1949 bis 1989 Gottwaldow) jedoch wurde ungeachtet der glänzenden Resultate jener „Utopie im Handeln“ nie die Anerkennung für eine „realisierte Utopie“ entgegengebracht. Was an sich einzigartig ist, wurde bescheiden verschwiegen und vergessen und ist dennoch zweifelsohne identifizierbar: Im dort für kurze Zeit errichteten Kapitalismus wurden viel zu offensichtlich sozialistische Ideen realisiert, wie es ja auch andersherum geschehen ist.

Mein Werk kann nicht verschwinden, es wird nicht verschwinden. All diese Gebäude, Fabrikschornsteine – vielleicht; doch das sind nur Ziegelhaufen und verrostetes Eisen. Mein System aber bleibt – für das Gedeihen jener, die nach uns kommen.
Tomáš Baťa

Ich bin in der Sowjetunion geboren und habe dort nur einen kurzen Abschnitt meines Lebens verbracht, der dennoch eine wichtige Rolle für die Bildung meines jungen Selbstbewusstseins gespielt hat. Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, eine „Utopie“ als das zu verstehen, wovon Tomas Campanella in Der Sonnenstaat, Platon im Höhlengleichnis oder Chernyshevskij im Traum der Vera Pavlovna (Was tun?) träumte. Lange Zeit kam es mir nicht in den Sinn, dass auch ich das Glück hatte, in einer Utopie zu leben, die für eine Zeit lang realisiert wurde. Einer rechtzeitigen Erkenntnis dessen stand entgegen, dass in der Zeit, als sich das junge Selbstbewusstsein herausbildete, der Moment des Scheiterns der Sowjetunion mit ihrer harten Kritik und weitere Störungen heranbrachen, und das junge Bewusstsein an all dem verzweifelt teilnahm. Die Revolution von 1917 wurde als Umsturz bezeichnet, die ideologischen Werte festgelegt. Im Zusammenhang mit dem Zerfall des Systems wurde die Utopie als Begriff jedoch nie gebraucht – man war eben der Meinung, dass die Idee realisiert worden war, eine Utopie aber – wie schon Begriff sagt – wäre etwas, das zu realisieren „verboten, unmöglich und nicht nötig“ sei.
Erst viel später begann man, über die Mängel, Fehleinschätzungen, die Opfer und die Fehler zu sprechen, über die Unmöglichkeit, den Sozialismus bzw. Kommunismus aufzubauen, wegen der ursprünglichen Ideenverzerrung. Nichtsdestotrotz sind vor allem die in der Architektur und Kunst verkörperten Ideen der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zweifellos deutliche Beispiele für die Weiterentwicklung des menschlichen Geistes und das Aufblühen des Idealismus, ohne den, meiner Ansicht nach, die Menschheit gar nichts tun könnte, weder in einem einzelnen Land noch in der ganzen Welt.
Als ich das tschechische Zlín sah und mich näher mit seiner Geschichte auseinandersetzte, war ich vollauf begeistert. Es war für mich die erste realisierte Utopie, die tatsächlich funktionierte (d.h., aufgrund dieser zwei Merkmale kann Zlín schon nicht mehr als Utopie bezeichnet werden). Aber aufgrund dessen, dass Idee und Stadt sich ein wenig an der Peripherie befanden und nicht lange existierten, blieb der Begriff „Utopie“ immer mit Zlín verhaftet und steht zusammen mit dem Wort Baťa für die Bezeichnung eines halbvergessenen Traumes, der wahrscheinlich nur Architekten und Historikern bekannt ist.
Nicht nur die Tschechen, sondern auch Verbraucher anderer Länder kennen die roten Buchstaben in Grotesk-Schrift, die für die bekannteste tschechische Schuhmarke stehen. Aber wie sich herausgestellt hat, wissen sehr wenige, dass Baťa (dies ist nicht nur ein wertvoller Pelz, sondern auch zwei bis drei Kilogramm Fleisch) nicht nur Schuhe sind, sondern vor allem eine kapitalistische Idee mit sozialistischem Gesicht und andersherum. Ich bin nicht sicher, ob Tomáš Baťa die Idee selbst so definiert hat, aber seinem Wesen nach zu urteilen, kann sie genau so ausgedrückt werden.

Erinnerst Du Dich daran, wie alles begann?
Alles geschah zum ersten Mal und von Neuem Das Schuhunternehmen Baťa nimmt seinen Anfang noch im 17. Jahrhundert und geht vom Vater zum Sohn, von einer Generation in die andere über. Als Tomáš Baťa1895 zusammen mit seinem Bruder Antonín im Schuhgeschäft der Familie zu arbeiten begann, zählte dieses nur 10 Arbeiter in der Werkstatt und 40, die friedlich zu Hause saßen und die Aufgaben erfüllten, die man ihnen brachte. Allmählich wuchs das Unternehmen, und es kamen immer mehr Menschen aus den umliegenden Dörfern, die bei Baťa arbeiten wollten. Schon damals waren Tomáš Baťa soziale Ideen nicht fremd: Unter seiner Teilnahme wurde 1889 die Organisation der sittlichen und moralischen Kultur (Sokol), die später ein außerordentlich wichtiges Instrument zur Vereinigung (und gleichzeitigen Manipulierung) der bürgerlichen Gesellschaft wurde. Später beteiligten er und sein Bruder Antonín sich an der Zlíner Sozialdemokratischen Handelsunion (1903). Es lohnt sich jedoch einzugestehen, dass Baťa sein Interesse an der Politik bald nach dem Arbeiteraufstand im Jahre 1905 ganz verlor und seine folgenden Bemühungen von nun an nur noch auf die Vervollkommnung eines sozialen Systems richtete, von dessen Zustand der Erfolg des Familienunternehmens direkt abhing.
Im Jahr 1899 wurde Zlín an das Eisenbahnnetz angeschlossen, und gleich im Jahr 1900 baute Baťa eine neue Fabrik direkt an der Bahnstation. Dieser Komplex wurde zum Zentrum der zukünftigen Stadt. Neue Vertikalen entstanden, Kirchturmspitzen wurden jetzt von Fabrikschornsteinen verdrängt. Seine Reise in das „Land des gelben Teufels“, wohin der junge Baťa fuhr, um in den Schuhfabriken nicht nur zuzuschauen, sondern auch zu arbeiten, hatte ihn tief beeindruckt und bestimmte in vielen Richtungen die Entwicklung des eigenen Unternehmens. Auf den Spuren dieser „praktischen Reise“ arbeitete Baťa sein Projekt aus. Im Jahr 1906 baute der Architekt D. Fey die neuen Gebäude der Fabrik; von 1912-13 entstanden erste Häuser für die Mitarbeiter. Dies kann man als den Beginn der Ära von Funktionalismus und Konstruktivismus in Zlín betrachten (ihr Rahmen wird durch die Jahre 1910 bis 1960 bestimmt).
Der Erste Weltkrieg brachte den ersten staatlichen Auftrag mit sich – 50 000 Paar Militärschuhe. Das hatte zur Folge, dass das Unternehmen die nächste Phase schnellen Wachstums erfuhr. Der Journalist F. Obrtel schrieb in seinem Artikel Amerika in Zlín: „… you can see and feel everywhere in Zlín the cult of impassioned work, which outdoes even itself … The Baťa factory is … a colossus. It is a city within a city, a veritable labyrinth, or, if you prefer, America.”

Wir bauen eine Gartenstadt
Außer der Führung des Unternehmens (Schuhproduktion, Ingen- ieursarbeiten, Lederfabrik, Kraftwerk, Ziegelproduktion, Verlag, Bau, Handel, Tochterunternehmen in Pardubitz), befasste sich Baťa aktiv mit der Planung, die weit über die Fabrikwände hinausging. Am meisten beschäftigten ihn der Mensch und das Haus für den Menschen (eben diese menschliche Dimension sicherte den Erfolg der Schuhe). In der Fabrikzeitung schrieb er am 25. Mai 1918: „Die Wohnungen sind notwendig. Es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Mensch Zuflucht in seinem eigenen Haus suchen kann, sich in seinem eigenen Garten ausruhen kann, wo die Sonne heller scheint als irgendwo sonst.“ Das war der Anfang der Idee einer „Gartenstadt“. Im Jahr 1918 war der Generalplan zur Entwicklung der Stadt fertig, in der als Ergänzung zu den kleinen Häusern für die Mitarbeiter, die mit einem Garten (aber keinem Gemüsegarten!) umgeben waren, der Bau von öffentlichen „Plätzen für Freizeit und Erholung“ geplant wurde: Supermärkte, Cafeterien, Saunen, eine Post, ein Hotel, ein Kino, eine Schule, ein Kindergarten und ein Krankenhaus. Die Hauptidee war die Verbindung von Leben und Arbeit. Noch im Jahr 1905 schrieb Baťa an die Wand der Fabrik, wie viele Sekunden ein Tag hat – 86 400! Als die Leute sahen, was er geschrieben hatte, schüttelten sie die Köpfe und sagten, dass der Sohn des alten Baťa offensichtlich verrückt geworden war. Aber genau das bildete die Grundlage von allem – die Zeit. Es war nicht gestattet, auch nur eine Sekunde zu verlieren. Dieses Prinzip wurde vor allem bei der Planung des städtischen Raums beachtet und später in allen nach diesem Muster gebauten Städten umgesetzt. Vom Fabrikgebäude führen ebene und gerade Straßen bis zu den Häusern der Angestellten. Die Arbeiter sollten auf dem schnellsten Weg zur Arbeit und wieder zurück gelangen, ohne Zeit mit unnötigen Spaziergängen oder Gedanken zu verbringen. Unmittelbar neben der Fabrik befanden sich „Freizeitmöglichkeiten“ – ein Supermarkt, ein Kino und das Kulturzentrum. Man nahm an, dass so der kulturelle und materielle Bedarf der Angestellten nach der Arbeit befriedigt sei und sie danach, ohne Zeit zu verlieren, schnell nach Hause gehen konnten.

Diener bei der Arbeit, König zu Hause
Alle Häuser waren nach dem gleichen Prinzip der Zeit- und Raumersparnis organisiert. Gleichzeitig bestand ihr Hauptunterschied zu den sowjetischen Bauten darin, dass sie in der Regel für eine Familie gedacht waren. Baťa war der Meinung, dass die Leute zwar zusammen arbeiten und ihre Freizeit verbringen, aber allein leben und sich erholen sollten. Diese Achtung des Eigentums und des persönlichen Lebens war der Hauptunterschied zur sowjetischen Utopie und letztendlich einer der Gründe, warum das von Baťa erbaute Modell erfolgreich funktionierte.
Die Häuser gehörten zwar nicht den Mitarbeitern, konnten aber trotzdem weitervererbt werden, wenn die Familienmitglieder von Generation zu Generation im Unternehmen Baťa gearbeitet hatten. Gleichzeitig konnte einem Angestellten, zum Beispiel aufgrund eines Vergehens oder einer Kündigung, das Haus aber auch weggenommen und einem anderen gegeben werden. Oder aber es konnte ein fleißiger Mitarbeiter durch einen Umzug in ein besseres Haus befördert werden. Die Wohnbestimmungen erforderten einen behutsamen Umgang und die Beachtung einer Reihe von Regeln, die man bis heute in einzelnen Häusern in Form von Ausstellungen finden kann. Im Zusammenhang mit diesen Regeln durften die Familienmitglieder um das Haus herum kein Gemüse anbauen oder irgendwelche Nutz- oder Haustiere halten. Sie durften den Garten nur genießen und waren dazu verpflichtet, sich um ihn zu kümmern. Die Regeln erklärten, wie oft die Wohnung gekehrt werden sollte und wie die Toilette zu benutzen sei. Die Vererbungsregelungen und mögliche Verstöße gegen sie, wofür einem das Haus weggenommen werden konnte, wurden streng beschrieben.
Der Haustyp hing von der Position des Angestellten ab. Für junge Leute war eine Wohnung nahe der Fabrik vorgesehen, da sie außer der Arbeit noch dazu verpflichtet waren, verschiedene Ausbildungskurse zu besuchen. Gewöhnlich waren ihre Häuser nur mit dem Allernötigsten ausgestattet und zeichneten sich durch einen minimalen Komfort aus. Es war vorgesehen, dass der junge Mann und die junge Frau, wie man sie offiziell bezeichnete, sehr wenig Zeit zu Hause verbringen würden. Mit dem Aufstieg in eine bessere Position und einer höheren Bildung wuchs auch die Anzahl der Zimmer und Möbel in den Häusern der Angestellten; in einigen gab es ein Klavier und Bilder an den Wänden. Dennoch sprechen wir immer noch von Häusern, die man in ein, zwei und vier Segmente teilen konnte. Sie waren für eine Familie oder ein bis zwei Personen gedacht, die sich den gemeinsamen Raum teilten. So gab es in keinem Fall überflüssigen Luxus. Als am komfortabelsten galten jene Häuser, die für eine Familie gedacht waren und die man nicht mit den Nachbarn teilen musste. Am meisten verbreitet waren die Häuser, die in zwei Teile aufgeteilt waren. Obwohl man anmerken muss, dass zum Ende der 20er bis Anfang der 30er Jahre ein kleineres Villenviertel entstand, welches für die Mitarbeiter in höheren Stellungen gebaut wurde. Ihre Lebensweise und die Architektur der Häuser hielten sich jedoch im Rahmen des festgesetzten Funktionalismus.
Alle Häuser waren durch Gärten und Wege getrennt, niemals aber durch Zäune, womit die Beachtung des persönlichen Lebens, gleichzeitig aber auch die Zugehörigkeit zur Fabrikgesellschaft unterstrichen wurde.

Roter Ziegelstein der weißen Träume
Als Baťa Bürgermeister wurde, konnte er außer seiner eigenen Investition zur Umgestaltung der Stadt Investoren von außen heranziehen, da es ihm gelungen war, für Zlín den niedrigsten Steuersatz zu erreichen. Außerdem beteiligte er hervorragende und verantwortliche Mitarbeiter prozentual am Gewinn, was immer neue Investoren und Spezialisten, darunter auch Architekten, zur Teilnahme an Baťas grandiosem Projekt anregte. Die wichtigsten Architekten, deren Namen fest mit der Stadt Zlín verbunden sind und ihr Gesicht gestaltet haben, sind František L. Gakura, Jan Kotěra (Stadtplanung), Vladimír Karfík sowie Miroslav Lorenc.
Seit 1923 wurden die roten Ziegelsteingebäude mit der weißen Zementierung zum Standard für Fabrikbauten, die hier und dort zu wachsen begannen und gemäß der Konzeption „Fabrikgarten“ von F. Gahura mit Gärten und Parks umgeben wurden.
Das erste, an dem man nicht vorbeigehen kann, wenn man in Zlín Halt macht, ist der Platz der Arbeit, der für einen Platz eine recht große Fläche umschließt und von eleganten Gebäuden begrenzt wird: dem vielstöckigen Administrationsgebäude Nr. 21, dem Hotel Moskau und einem Kaufhaus. Der Platz war von Anfang an als Hauptort der einzigartigen Präsentation der Neuen Stadt gedacht, weil sich genau dort die im strategischen wie auch visuellen Sinne wichtigsten Gebäude konzentrierten, die einen harmonischen Dialog miteinander führten. Wenn man sich in die Mitte des Platzes stellt und das Gesicht der Stadt zuwendet, liegt rechter Hand das Kaufhaus, übrigens eines der wenigen Gebäude, das sich seit dem Jahr 1931, als es von F. Gahura erbaut wurde, praktisch nicht verändert hat. Hinter dem Rücken erscheint dann das Hotel Moskau (das früher als „Gesellschaftshaus“ bezeichnet wurde), eines der ersten großen Projekte von Vladimir Karfík nach seiner Ankunft in Zlín. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Baťa und dem ersten Architekten des Moskau, M. Lorenc, nach dessen Plänen das 11- etagige Gerüst errichtet worden war, zwangen jenen, Zlín zu verlassen. Das Gebäude wurde anschließend nach einem überarbeiteten Plan von Vladimír Karfík fertig gestellt. Vor der stabilen und aus horizontalen Parallelepipeden bestehenden Konstruktion des Hotels befand sich das Große Kino, das im Jahr 1932 ebenfalls von Lorenc für 2 500 Zuschauer als Kinotheater gebaut wurde und das größte in der ganzen Tschechoslowakei war, auch wenn es heute nicht mehr besonders groß erscheint. Gegenüber erstreckt sich der Fabrikkomplex, dessen elegante rote Ziegelsteine durch weiße Kalkstreifen miteinander verbunden sind, und das durch die Hauptvertikale des sich schließenden Platzes – das legendäre Administrationsgebäude Nr. 21 – gekrönt wurde.

„21“ bedeutet nicht „Nummer einundzwanzig“, sondern „21. Jahrhundert.“

Die schnelle Entwicklung des Unternehmens erforderte neue Gebäude. Das von Karfík entworfene Administrationszentrum ‚Nr.21 stellte die Verkörperung der Macht, des globalen Wuchses und der Expansion des Unternehmens dar. Der wunderschöne 77,5 Meter hohe und 17-stöckige Wolkenkratzer wurde von 1937-38 schnell über einer immer weniger flachen Landschaft errichtet. Es handelte sich zu jener Zeit um das höchste Gebäude der Tschechoslowakei, das mit sämtlichen Hochtechnologien ausgestattet war: Automatische Lifte, Aufzüge, Lastenlifte und alle Treppen waren in einen getrennten, äußeren Gebäudeteil verlegt, was nicht nur erstaunt, sondern auch die rhetorische Frage danach hervorruft, wie man bei einem hypothetischen Brand gerettet werden soll. Doch, wie dies schon bei der Titanic war, wer konnte da an Brände denken? Wo das Gebäude mit solchen Neuheiten ausgestattet war, wie einer Rohrpost, Klimaanlagen und Steckdosen, die in Dreimeterabständen am Boden angebracht wurden. Außerdem waren für das Gebäude erstaunliche hygienische Verfahren vorgesehen: Um die Schönheit immer in Sauberkeit und Glanz erstrahlen zu lassen, erfand man spezielle bewegliche Rampen, mit deren Hilfe die unzähligen Fenster von außen geputzt werden konnten. Außerdem war es das erste administrative Gebäude mit mobilen Büros, deren Fläche mit Hilfe von beweglichen Glaswänden reguliert werden konnte (das Ausmaß, in welchem Rahmen ihre Fläche variiert werden konnte, betrug 80x20 m). Das bekannteste bewegliche Büro wurde ein Aufzug mit gläsernen Wänden und einer Fläche von 6x6 m, in welchem Jan A. Baťa (der Bruder, der nach dem Tod von Tomáš das Unternehmen übernahm) zwischen den Etagen des ganzen Gebäudes umherfuhr. Es waren Legenden über den strengen Charakter Baťas im Umlauf, der plötzlich aus seinem glänzenden Lift, „aus der Ecke“, kam und über die Unglücklichen herfiel, um zu sehen, ob sie nicht irgendwelche Fehler begangen hatten. Baťa selbst erklärte die Einrichtung eines derartigen Büros als äußerst effektives Aufsichtsinstrument.

Damit es jemanden anzuleiten gab, mussten Leute ärztlich behandelt und ausgebildet werden.

Eines der ersten Bauten war der Krankenhauskomplex, dessen Hauptteil in der unwahrscheinlich kurzen Zeit von nur neun Monaten gebaut wurde. Seine Einzigartigkeit bestand darin, dass es das erste tschechoslowakische Krankenhaus war, das aus 17 einzelnen Pavillons bestand. Diese bestanden nicht aus vertikal, sondern horizontal ausgedehnte Bauten, die durch ein System von Durchgängen miteinander verbunden waren (Architekten F. Gahura und B. Albert). Wie es auch bei allen anderen Gebäuden der Fall war, wurde um das Krankenhaus herum ein Garten angelegt.
Wenn man von „Ausbildung“ spricht, dann lag die grundlegende Neuheit der Schulen darin, dass dort nicht mehr ausschließlich unterrichtet wurde, sondern sie sich in ein Mittel für die Erziehung echter „Baťa-Schafe“ verwandelten. Und um vorzugreifen, lohnt es sich zu bemerken, dass es nicht um Treue zum Unternehmen und den Handelsgesellschaften ging, sondern um Treue zu den Ideen der Entwicklung als solchen, aus denen (wenn es denn so sein sollte – und in den meisten Fällen sollte es) Ideen der Treue und der Firmenentwicklung erwachsen konnten.
Das von Gahura ausgearbeitete Schulgebäudesystem verkörperte die Ideen der korporativen Bildung, deren Grundlagen von Baťa geschaffen wurden. Der erste Schulkomplex mit dem Namen Tomáš G. Masaryk wurde 1927 eröffnet. Das Gebäude hat die Form eines aufgeschlagenen Buches, dessen „Buchseiten“ durch einen gläsernen Saal verbunden waren. Hier befanden sich die Sporthalle und das Kunstatelier. Auf beiden Seiten der „Buchseiten“ lagen die geräumigen Klassenzimmer (9X6 m), die vom Licht der hohen Fenster durchflutet wurden, welche sich auf der ganzen Länge der „Seiten“ befinden. Später arbeitete Lorenc das ganze Schulviertel im Einklang mit dieser traditionellen Schularchitektur aus. Schulen für berufliche Bildung waren mit Wohnheimen ausgestattet. Ein einzigartiger Teil dieses Komplexes (sogar im europäischen Maßstab) war der traumhaft breite Boulevard, der, ohne die Harmonie der Landschaft zu zerstören, Wohnheime und Lehreinrichtungen miteinander verband und die neuen Baumeister sicher in die lichte Zukunft trug.

Sie wussten nicht, dass bald alles zu Ende sein sollte. Doch der Mensch ist für das Glück geschaffen – wie der Vogel für den Flug. Aber bis jetzt fliegt unsere Dampflok voraus.

Für den Export: Produktion, kommerzielle Philosophie, Architektur und Lebensstil
Die Stadt wuchs und in ihr die Menschen, die immer mehr elegante Schuhe und Arbeitsstiefel produzierten. Außerdem begannen sie, Schuhe für Autos zu produzieren, nämlich Reifen. Und sogar die Autos selbst! Und Flugzeuge! Aber hier mischte sich der Staat ein und erlaubte sich die Frechheit, das Monopol des Flugzeugbaus anzugreifen. Dazu kam, dass 1932 der wichtigste Flugzeugbauer des unternehmerischen Idealismus bei einem Absturz seines eigenen Flugzeugs ums Leben kam. Und obwohl dieses Flugzeug ohne jeden Schaden gewesen und an allem nur der Eigensinn (unter günstigen Zusammentreffen von Umständen „Beharrlichkeit“ genannt) und schlechtes Wetter schuld waren, musste man den Flugzeugbau aufgeben. Aber dafür existierte nach wie vor diese kleine Welt, die man „beschuhen“ konnte. In diesem Zusammenhang kommt mir eine amüsante Geschichte darüber in den Sinn, wie zwei sich Vertreter des Unternehmens Baťa zur Erkundung nach Afrika aufmachten, um dort Nachfrage und Angebot zu erkunden. Nach einiger Zeit kam der eine ohne etwas zurück und klagte ärgerlich: „Eine Hitze ist das, alle laufen barfuß – Schuhe braucht man nicht – es gibt keine Perspektiven für das Unternehmen!“ Der andere jedoch telegrafierte froh: „Alle sind barfuß! Immense Aussichten und Spielräume für die Arbeit!“ Es ist nicht schwer zu erraten, auf welchen der beiden „Erkunder“ Baťa hörte …
Neue Städte waren im Entstehen. Zusammen mit dem Unternehmen machten sich natürlich auch Ideen und Mustergebäude auf den Weg. Das typischste Gebäude, das hier und dort wie ein Zwillingsmutant emporschoss, war das Handelshaus Baťa. Nach dem ersten in Zlín wurde 1929 das zweite, das allen Bewohnern und Gästen unserer Hauptstadt bekannt ist, in Prag gebaut (Planung von Ludvík Kysel, Josef Gočár, František Gahura und Aarnošt Sehnal). In den 30er Jahren wuchsen ähnliche Gebäude in Karlsbad, Olomouc (Olmütz), Teplice, Čáslav (Tschaslau), in den Prager Stadtteilen Vysočany und Vršovice, Jihlava (Iglau), Klatovy (Klattau), Amsterdam und in anderen Städten. Die überragendsten Handelshäuser, die von Vladimir Karfík geschaffen wurden, stehen in Brünn, Liberec (Reichenberg) und Amsterdam.
Aber was sprechen wir über das bescheidene Handelshaus? Bereits seit 1921 begannen sich industrielle Musterstädte zu verbreiten, nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch im Rest Europas, in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika. Die Einzigartigkeit dieses Unternehmens bestand darin, dass zusammen mit der Industrie „ganze Sortimente“ in die Satellitenstädte geschickt wurden, die die Stadtplanung mit allen wichtigen Bauten für Arbeit, Leben und Erholung, die neuesten Technologien und den Lebensstil enthielten. Die Ideologie des Unternehmens wurde mit allem Übrigen geliefert, und die Mitarbeiter hatten das Glück, rund um die Uhr durch das Unternehmen nicht nur im Bereich der Wirtschaft und dem Betrieb, sondern auch im moralischen Sinn und sozialen Alltag versorgt zu werden. 1937 wurde von den Architekten E. Hruška, R.H. Podzemý und J. Voženílek ein universelles Modell fertiggestellt, das den Namen „Ideale Industriestadt der Zukunft“ erhielt. Die Hauptidee des Modells war die Zentralisierung der Stadt, die für zehn- bis zwanzigtausend Einwohner berechnet wurde. Wie auch in Zlín sollten die Bewohner der „Gartenstadt“ die Möglichkeit haben, nach der Arbeit schnell in die „Zone für Kultur und Erholung“ zu gelangen und ohne Pause die grünen Genüsse um die Fabrik und das Kinotheater herum auszukosten, abgesehen vom eigenen Haus, das im blühenden Grün der Gärten ertrinken sollte. Ein großer Teil der Planung wurde in den „industriellen Blutsbrüdern“ Zlíns verwirklicht, wovon es allein in der Tschechoslowakei neun gab, in Europa acht (Kroatien, Schweiz, Polen Deutschland, Frankreich, England, Holland und Ungarn) und außerhalb von Europa dreizehn (Indien, USA, Ägypten, Indonesien, Pakistan, Bangladesch, Simbabwe, Südafrika, Kenia, Peru, Mexiko, Kanada, Brasilien).

Wer an der Vervollkommnung seines eigenen Lebens arbeitet, ist ein Künstler Zlín gründete seine erste eigene Zeitung im Jahr 1918. Es ist leicht zu erraten, dass sie auch die erste allgemeine Fabrikzeitschrift war. Als 1939 der Krieg ausbrach, waren es schon neun, und ein Teil davon wurde für die ausländischen Mitarbeiterin ihre Sprachen übersetzt. Unter den Zeitungen waren: Creative Schooling (1930), Young Zlín (1933), Footwear – Leather - Rubber (1935), The Pioneer of Succeessful Entrepreneurship (1936), Camera Lens (1938) und Technical Adviser (1939). Die Zeitschrift Message widmete seit 1918 der Entwicklung und der Förderung der Bildung besondere Aufmerksamkeit.
Baťas Auffassung davon, was Arbeit ist, begrenzte sich nicht nur auf das Unternehmen. Ständige Weiterbildung und Selbstverwirklichung im Bereich der Wissenschaft und der Kunst wurden als Hauptprinzipien der Arbeit angesehen. Im Jahr 1923 schrieb er in einem Artikel über die Notwendigkeit der Bildung: „Den Leuten Bildung geben, Persönlichkeiten aus ihnen machen, die in allen möglichen Lebenslagen selbst für sich sorgen können und, was ganz besonders wichtig ist, die dieses Wissen entfalten und der nächsten Generation weitergeben können. Darin liegt der Sinn des Lebenskampfes.“ Einige Wochen später verwendete die Zeitschrift ein Zitat des Philosophen John Ruskin, um zum ersten Mal den eigenen Blick auf die Kunst zu formulieren, der mit der Ideologie von Zlín harmonisierte: „Kunst – das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Vernunft und zur Zielstrebigkeit. Jeder, der an der Vervollständigung seines eigenen Lebens arbeitet, ist ein Künstler, der mit der Freude eines reinen Herzens zum Wohle aller arbeitet.“
Die 30er Jahre waren das „goldene Jahrhundert“ des Zlíner Imperiums. Einige Institute nahmen ihren Betrieb auf, z.B. das Study Institute (1935) oder das Technolgy Institute (1936). Außerdem wurde die Baťa School of Arts gegründet (1939-45), erbaut nach den Traditionen des deutschen Bauhauses. Die Schule gab auch während der deutschen Besatzung ihren Betrieb nicht auf, überlebte aber nicht die Verstaatlichung des Unternehmens nach dem Krieg und dem darauffolgenden Regimewechsel.
Ein Wort über die Kunst: Ein weiterer Raum für die Unterstützung und Entwicklung der Kunst war das Gemeinschaftshaus. Dort gab es einige interessante Ausstellungen. 1936 fand der erste Zlíner Salon zur gegenwärtigen tschechoslowakischen Kunst statt. Seitdem wurde dieser Salon jedes Jahr, mit Ausnahme der Jahre 1945-47, durchgeführt; der elfte und letzte fand 1948 statt. Danach wurde im Land das sozialistische Regime aufgebaut, unter dem es eine eigene Vorstellung von Kunst „für das Volk“ und Kunst überhaupt gab.
Möglicherweise wäre die neuen Herren des sozialistischen Lebens weniger streng gewesen, hätten sie aufmerksamer auf jenes Erbe geschaut, das ihnen zuviel. Und möglicherweise hätten sie dem Salon der Kunst zugunsten der Allgemeinen Feier des Tags der Arbeit verziehen. Dieses Fest stellte eine weitere einzigartige Besonderheit des kulturellen Lebens in Zlín dar. An diesem großartigen Feiertag, der seit Anfang der 20er Jahre stattfand, nahmen alle, von den Kleinen bis zu den Großen, teil. Selbst die Fabrikleiter feierten ausgelassen zusammen mit den Angestellten. Doch einige Skeptiker der linken Seite konnten nicht an ein solches Fest der Gleichberechtigung glauben. Um den empörenden Fakt der Provokation zu prüfen, strömten sie aus den übrigen Gebieten Europas zum Gelage der „Arbeit“ zusammen und fanden dort, wie es sich gebührt, Gleichheit und Brüderlichkeit vor.

Das Kino ist der Inbegriff der Künste
Dies machte der unzweideutige Bau des Großen Kinotheaters (das zweitgrößte in Europa) deutlich. In den 30er Jahren wurden die Filmstudios in Kudlovo eröffnet, wo die Geschichte des berühmten Zlíner Kinostudios beginnt. Es herrscht die Meinung vor, dass das Kinostudio nur zu Geschäftszwecken diente und die Filme einzig und allein für Bildung oder Reklame produziert wurden. So und auf andere Weise waren sie mit dem Unternehmen verbunden. Doch so war es nicht, und das Kinostudio nahm seinen Anfang. Ungeachtet dessen, dass der künstlerische Wert dieser Filme allein durch ihre „lasterhafte Verbindung“ zum Unternehmen angezweifelt werden kann, sind sie noch immer wunderbar anzusehen. Auf der Welle des allgemeinen Optimismus und der großen Hoffnungen gedreht, strahlen diese einfachen Filme vor Freude und Gesundheit. Sie sind erfüllt von Humor und dem felsenfesten Glauben an den rasanten Fortschritt der Menschheit, und – das wichtigste – vom Glauben an die Menschheit selbst. Im Zusammenhang damit ist nicht zu vergessen, dass neben den „Betriebs“-Filmen einige experimentelle Filme und Dokumentarfilme gedreht wurden. Daraufhin begann die legendäre Figurenanimation: Der Film Ferda the Ant von 1942 war der erste Figurenfilm in der Tschechoslowakei. (Der hochverehrte Herr Ferda wohnt bis heute im Kinostudio und jeder, der möchte, kann seine historische Pranke drücken.)
Die Entwicklung dieser höchsten aller Künste war so rasant, dass schon Anfang der 40er Jahre das erste Kinofestival Film Harvest stattfand, das durch den Krieg beendet wurde. Vielleicht ist das Kinostudio die einzige große Instanz in Zlín, die alle Wendepunkte überlebt hat – den Krieg, die Verstaatlichung, den Kommunisitischen Putsch von 1948, die sowjetische Besatzung im Jahr 1968, die Normalisierung in den 70 ern, die Revolution von 1989 und die Teilprivatisierung in den 90ern.

Das Ende dessen, was als eine Utopie bezeichnet wurde
Die Regierung konnte Baťa die Zusammenarbeit mit der deutschen Armee nicht verzeihen. Also verstaatlichte es im Jahr 1945, direkt nach dem Krieg, sein Unternehmen. Die wichtigsten Manager und Architekten, Gahura und Karfík, waren gezwungen, Zlín zu verlassen; der Architekt Miroslav Lorenc, der mehr als 50 Gebäude in Zlín gebaut hatte (die herausragendsten sind das Schuhhaus von Eduard Pelčák, die Konditorei, das Handels- und Bankenhaus von František Javorský und das Restaurant von Minaříková), wurde 1943 als Mitglied einer Widerstandsorganisation erschossen; ein großer Teil der Leute wurde ausgewiesen und kehrte nie aus der Verbannung zurück.
Das endgültige Ende des Systems von Baťa, inklusive den Einrichtungen für Kultur und Bildung, brachte das Jahr 1948 mit dem Kommunistischen Putsch. Dessen Folge war die Einführung einer kollektiven Verantwortung, die die ursprüngliche Organisation der Arbeit und Motivation der Angestellten durch die Verantwortung für ihre eigene Arbeit (und ihr Gehalt!) ablöste. Es begann eine neue Ära, ohne Baťa und nicht in Zlín, sondern in Gottwaldov. Die neue Macht bemühte sich , Baťas Andenken zu vernichten. Sie tat dies nicht nur, indem sie die Stadt veränderte, sondern auch, indem sie alles vernichtete, was direkt mit seinem Namen verbunden war. So zum Beispiel sein Flugzeug, das die Ursache für seinen Tod und in seinem Museum (Tomas Bata Memorial) aufbewahrt worden war.
Die Stadt wuchs und entwickelte sich weiter. Doch ist dieser Teil der Entwicklung nicht von besonderem Interesse, weil die Ideen, die in die Fundamente der Architektur eingebracht worden waren, wiederholt und verfälscht wurden. Wie zu vermuten war, wurden nach 1989 viele historische Gebäude zerstört oder umgebaut und unter den Schutz der Gesellschaft für Bewahrung und Restauration von Denkmälern gestellt.

Nachwort
Die Einzigartigkeit der Stadt Zlín besteht darin, dass ihre Entwicklung nicht die Folge einer utopischen Idee eines ambitionierten Architekten oder Sozialidealisten war. Die Umgestaltung eines rückständigen Städtchens mit traditioneller Struktur in eine wirklich moderne Stadt war das Resultat des rationellen Denkens eines aktiven Untenehmers. Dieser wollte einen Lebensraum für seine Angestellten schaffen, der es möglich machen würde, eine höchstmögliche Verbesserung der Arbeit seines Unternehmens zu erreichen.
Wegen dieser direkten Verbindung mit den Interessen des reinen Unternehmens wurde Zlín lange Zeit nicht als tschechische Literaturavantgarde anerkannt. Die Erfolge der tschechischen Architektur in Zlín wurden während der ganzen Epoche der Tschechoslowakei nicht in die Geschichte eingeschrieben und waren im Ausland um einiges bekannter als zu Hause. Das erklärt sich vor allem damit, dass im „kapitalistischen“ Zlín die Grundzüge der sozialistischen Prinzipien erfolgreich umgesetzt wurden. So erweist sich der Zlíner Konstruktivismus ungeachtet seiner Einzigartigkeit und Bedeutung als ein widersprüchliches kulturelles Erbe. Einerseits stellt er die Materialisierung von Rationalismus und Wirtschaft in der Architektur dar – Ideen, die denen der kommunistischen Architektur nahe waren, andererseits wird er vor allem mit den Errungenschaften des Kapitalismus und des freien Marktes während der Ära der ersten Tschechoslowakischen Republik assoziiert. Auf diese Weise fanden sich in jeder Epoche Ursachen für ein zwiespältiges Verhältnis vonseiten der Macht, welche auch immer es gerade war. Übrigens, dieses Nichtbeachten ist immer noch erstaunlich: Zlín ist das erste und einzige Muster einer absolut funktionalistischen Stadt, nicht nur auf dem Gebiet der damaligen Tschechoslowakei, sondern in ganz Europa (noch vor der Ausrufung der Athens Charter 1934).
Eine spekulative Frage, die bei der Analyse ähnlicher Metamorphosen unweigerlich aufkommt, ist, ob eine auf Ideen basierende Architektur in einer Situation, in der diese Ideen nicht mehr funktionieren, noch die gleichen Funktionen erfüllen kann. So besiegt der Held der Videoarbeit Die Zlíner Suppe (2007, 8:42 min.), Nazli Kaya (Turkey-CR, Absolvent der FAMU, Zlín Department), auf scherzhafte Weise die früheren Werte, die in der Architektur dargestellt sind: Aus ihnen kocht er sich eine Suppe, indem er unter anderem das Große Kino, das Kaufhaus und die Fabrikschornsteine in einen Topf gibt. Das Resultat seines kulinarischen Schaffens wirft er mit dem Schrei „Esst das nicht, hier fehlt die Kultur!“ aus dem Fenster. Ein anderer Autor, der sein Schaffen mit Zlín verbunden hat, ist Tomáš Hubaček. Er zeigt in seinem Film Return to the Red City ein vollständiges Erstarren des Lebens in der Stadt, ein fantastisch, aber völlig glaubwürdig erscheinendes Sujet. Und obwohl der Film am ehesten den Charakter eines Kriminalfilms hat, bezaubert die Ästhetik des Sterbens und Erstarrens der Stadt vor dem Hintergrund veralteter Ideen mehr als das Sujet selbst.
Es bleibt nur zu hoffen, dass Zlín durch die plötzliche Liebe und Aufmerksamkeit zu seiner Architektur und das Umdenken der Werte des Zlíner Konstruktivismus nicht vom Schicksal getroffen wird. So ist es zum Beispiel mit dem tschechischen Krumlov geschehen, aus dem wegen eines ähnlichen Interesses, in diesem Fall am Mittelalter, alle Anzeichen von Leben entfernt wurden, und das sich vollständig in ein Denkmal seiner selbst verwandelt hat, interessant nur noch für Leute auf der Suche nach den „guten, alten tschechischen Zeiten“.





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Acts, Misdemeanors and the Thoughts of the Persian King Medimon Acts, Misdemeanors and the Thoughts of the Persian King Medimon
There is nothing that has not already been done in culture, squeezed or pulled inside out, blown to dust. Classical culture today is made by scum. Those working in the fine arts who make paintings are called artists. Otherwise in the backwaters and marshlands the rest of the artists are lost in search of new and ever surprising methods. They must be earthbound, casual, political, managerial,…
Afrikanische Vampire im Zeitalter der Globalisierung Afrikanische Vampire im Zeitalter der Globalisierung
"In Kamerun wimmelt es von Gerüchten über Zombie-Arbeiter, die sich auf unsichtbaren Plantagen in obskurer Nachtschicht-Ökonomie plagen."
04.02.2020 10:17
Wohin weiter?
offside - vielseitig
S.d.Ch, Einzelgängertum und Randkultur  (Die Generation der 1970 Geborenen)
S.d.Ch, Einzelgängertum und Randkultur (Die Generation der 1970 Geborenen)
Josef Jindrák
Wer ist S.d.Ch? Eine Person mit vielen Interessen, aktiv in diversen Gebieten: In der Literatur, auf der Bühne, in der Musik und mit seinen Comics und Kollagen auch in der bildenden Kunst. In erster Linie aber Dichter und Dramatiker. Sein Charakter und seine Entschlossenheit machen ihn zum Einzelgänger. Sein Werk überschneidet sich nicht mit aktuellen Trends. Immer stellt er seine persönliche…
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offside - hanfverse
Die THC-Revue – Verschmähte Vergangenheit
Die THC-Revue – Verschmähte Vergangenheit
Ivan Mečl
Wir sind der fünfte Erdteil! Pítr Dragota und Viki Shock, Genialitätsfragmente (Fragmenty geniality), Mai/Juni 1997 Viki kam eigentlich vorbei, um mir Zeichnungen und Collagen zu zeigen. Nur so zur Ergänzung ließ er mich die im Samizdat (Selbstverlag) entstandene THC-Revue von Ende der Neunzigerjahre durchblättern. Als die mich begeisterte, erschrak er und sagte, dieses Schaffen sei ein…
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prize
To hen kai pán (Jindřich Chalupecký Prize Laureate 1998 Jiří Černický)
To hen kai pán (Jindřich Chalupecký Prize Laureate 1998 Jiří Černický)
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mütter
Wer hat Angst vorm Muttersein?
Wer hat Angst vorm Muttersein?
Zuzana Štefková
Die Vermehrung von Definitionen des Begriffes „Mutter“ stellt zugleich einen Ort wachsender Unterdrückung wie auch der potenziellen Befreiung dar.1 Carol Stabile Man schrieb das Jahr 2003, im dichten Gesträuch des Waldes bei Kladno (Mittelböhmen) stand am Wegesrand eine Frau im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft. Passanten konnten ein Aufblitzen ihres sich wölbenden Bauchs erblicken,…
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Limited edition of four rare postcards (1995).
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Gold Upstairs, Red Downstairs, 1998, acrylic painting on canvas, 73 x 36 cm, on frame
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